"PLANÈTE ROUSSEAU. ZUR HETERONOMEN GENEALOGIE DER MODERNE"

 

Interdisziplinäre Tagung an der Maison de France, Mainz
28.-30. Juni 2012

Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), in Kooperation mit dem Institut Français  und der Universität Heidelberg.

 

Rousseaus Einfluß auf die mit der französischen Revolution anbrechende Moderne ist kaum zu überschätzen. Dieser Einfluß gerinnt jedoch nicht zu einem in sich konsistenten Tableau, das sich unter dem Schlagwort ,Rousseauismus‘ rubrizieren ließe, sondern entfaltet sich vielmehr in heterogenen Serien, in denen sich Politik und Literatur auf je unterschiedliche Weise verschränken. Rousseau ist zweifellos ein fondateur de discursivité, dies jedoch nicht in dem Sinne, daß sein Werk die Matrix bildete für ein in sich begrenztes, auf Wiederholbarkeit und Disziplin abgestelltes Wissen. So mag der Contrat social zwar der französischen Nationalversammlung als Gründungstext gelten, doch ist es etwas grundlegend anderes, wenn Sade die dort theoretisierte, auf direkter körperlicher Teilhabe fußende (Volks-)Souveränität im Jahr der ersten Verfassung als die radikale körperliche Eingeschriebenheit des Bürgers in das Politische sadomasochistisch ausphantasiert. Wieder etwas anderes ist es, wenn Balzac im Rekurs auf den Contrat social den proteischen Erzverbrecher Vautrin als Inkarnation des von der Mitbestimmung ausgegrenzten Volkes feiert oder sich Simón Bolívar mit dem Contrat social in der Satteltasche dazu anschickt, seine eigene panamerikanische Heilsvision in die Tat umzusetzen. Rousseaus politisches Denken ist offen für die Phantasie – und das in einer Zeit, der ein verbindlicher Leitdiskurs und mit diesem ein stabiles symbolisches Register abhanden gekommen ist.

 

Die Veranstalter der Tagung haben Rousseaus Geburtstag, der sich am 28. Juni 2012 zum 300. Mal jährt, zum Anlaß genommen, mit Fachkollegen aus unterschiedlichen Disziplinen über diese Verschränkung von Politik, Phantasie und Subjektivität nachzudenken. Eine wesentliche Überlegung betrifft hier das Konzept der Heteronomie, das zentral für das politische Denken Rousseaus ist und das sich insbesondere in dessen Vorstellung von Freiheit niederschlägt. Diese Heteronomie versteht Rousseau nicht einsinnig und harmonistisch im Sinne einer ,Freiheit unter dem Gesetz‘. Rousseau treibt vielmehr im Contrat social gerade jene grundlegende Aporie hervor, die sich ergibt, wenn der Bürger als untrennbarer Teil einer souveränen Körperschaft zugleich auch deren Willen, der volonté générale, unterworfen ist. In seinem zum Contrat social komplementären Briefroman Julie, ou La Nouvelle Héloïse hat Rousseau diese Problematik noch zugespitzt. Dort wird eine verbindliche Norm vernünftigen Miteinanders von dem législateur M. de Wolmar erdacht, doch scheitert diese Norm radikal am individuellen Begehren. Kurz vor ihrem Tod wird Julie sagen, daß ein Leben ohne Phantasie, ohne das Phantasma des Begehrens, nicht lebenswert sei. Und so kann sich die heteronome politische Phantasie auch nur um den Preis behaupten, daß das Individuum seine Autonomie im eigenen Tode sucht.


An letzterer Bewegung läßt sich bereits eine Verschiebung von der Empfindsamkeit zur romantischen Subjektivität und damit zu einer Autonomie jenseits der Heteronomie erkennen, wie sie etwa in Goethes Leiden des jungen Werthers zum Tragen kommt. Eine neue Form von Heteronomie zeichnet sich in denjenigen Übernahmen des Rousseauschen Denkens ab, die in Übersee statt haben. Das Werk Rousseaus wird dort zu einem stand-in, in jenem diskursiven Vakuum, das die jeweiligen Unabhängigkeiten hinterlassen. Dort wo ein Zurück zu den diskursiven Formationen der Kolonialmacht nicht mehr möglich ist, entsteht mit dem Contrat social ein von fern geborgter Nomos, der sich aber nicht auf die Verhältnisse der unabhängigen Staaten Lateinamerikas und der amerikanischen Föderation übertragen läßt. Das damit verbundene Scheitern einer verbindlichen volonté générale in eine tradierbare Form zu bringen, obliegt hier der Literatur, die, wie sich etwa an den lateinamerikanischen Romanen des nation building belegen läßt, in hohem Grade auf der Plot-Struktur der Nouvelle Héloïse aufruhen und dabei insbesondere das Augemerk auf die Figur des Hindernisses und die Frustration des Begehrens legen. Damit ergibt sich für diese Romane zugleich ein Imaginäres des Verlusts und der Trauer, das nicht nur die imagined communities des 19. Jahrhunderts prägt, sondern auch vorausweist auf jene Versuche der Selbstbestimmung, wie sie die lateinamerikanische Literatur im 20. Jahrhundert unternehmen wird.


Ziel der Tagung ist es, den intrikaten Überschneidungen von Heteronomie und Autonomie, wie sie sich aus den Übernahmen des Rousseauschen Denkens ergeben, in je unterschiedlichen Nationalkulturen diesseits und jenseits des Atlantiks aber auch in Asien nachzugehen. Im Mittelpunkt steht dabei das Konzept der ,Transkodierung‘ (transcoding), vermittels dessen Fredric Jameson in The Political Unconscious die wechselseitige Interaktion von Gesellschaft, Politik und Literatur beschrieben hat. Denn im Literarischen wie im Politischen werden ausgehend von den Gründungstexten Rousseaus in Europa und Übersee moderne Subjektivität, kollektive Identität und soziale Organisation neu – und vor allem heteronom – ausgefochten. Dabei scheint eine Genealogie der Moderne auf, die nicht mehr allein über das Postulat eines autonomen Selbst zu fassen ist, sondern sich vielmehr lesen läßt als eine aporetische Verstrickung von Heteronomie und politischer Imagination, die gerade deshalb keine Lösung erfahren kann, weil sie von Anfang an auf jener Spaltung von Subjekt und Gesellschaft beruht, aus der Rousseaus Werk seine eigentümliche Faszination bezieht.

 

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