Die Musikwissenschaft hat sich bisher mit der spanischen Musikgeschichte eher schwer
getan. Insbesondere in Deutschland erschien die wissenschaftliche Beschäftigung mit
diesem Land, sieht man von der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts oder bekannten Namen
wie Albéniz und de Falla einmal ab, als etwas Peripheres, das kaum der Mühe ernsthafter
Forschung wert zu sein schien. Anders als in der Kunst- oder Literaturgeschichte bildet
Spanien geradezu einen weißen Fleck innerhalb der europäischen Musikgeschichte, was
angesichts der vielfältigen territorialen und dynastischen Verbindungen zu Italien,
Frankreich, Deutschland und den Niederlanden um so mehr überrascht. Zur Koordinierung
aktueller Forschungen und Verbesserung der Zusammenarbeit mit Forschern andere Länder und
Disziplinen, bildete daher die deutsche Gesellschaft für Musikforschung im vergangenen
Jahr auf Initiative des Regensburger Privatdozenten Dr. Rainer Kleinertz eine Fachgruppe
für deutsch-spanische Musikbeziehungen.
Dank der Unterstützung durch die Regensburger Universitätsstiftung Hans Vielberth und
das spanische Ministerio de Educación y Cultura war es nun möglich, die erste
Tagung dieser Fachgruppe im Rahmen eines vom Institut für Musikwissenschaft der
Universität Regensburg veranstalteten Symposiums über "Spanien und die europäische
Musik des 16. und 18. Jahrhunderts" auszurichten.
Während des Symposiums wurde deutlich, daß Spanien im Verlauf der drei Jahrhunderte
eine bemerkenswerte Wandlung im Verhältnis zur europäischen Musik durchlief. Nach der
Begrüßung der Teilnehmer durch den Dekan der Philosophischen Fakultät I, Christoph
Meinel, den Lehrstuhlinhaber für Musikwissenschaft, Detlef Altenburg, und den Leiter des
Symposions, Rainer Kleinertz, legte Ignace Bossuyt von der Katholischen Universität
Löwen in seinem Eröffnungsvortrag Spanien und die europäische Musik des 16.
Jahrhunderts eindrucksvoll dar, in welchem Maße die spanische Musik dieser Zeit durch
Drucke von Paris und Löwen über Prag bis nach Venedig verbreitet war. Im 17. Jahrhundert
isolierte sich dann Spanien trotz seiner europäischen Besitzungen von vielen
gesamteuropäischen Entwicklungen. Musikgeschichtlich besonders frappierend ist dabei die
Beobachtung, daß Spanien die von Italien ausgehenden neuen Gattungen wie Oper, Kantate
und Oratorium gar nicht oder nur höchst partiell übernahm. Erst im 18. Jahrhundert kam
es unter dem ersten bourbonischen König Philipp V. zu einem verstärkten Einfluß der
italienischen Oper, die hauptsächlich eine kulturelle Reaktion auf den Verlust der
italienischen Besitzungen im spanischen Erbfolgekrieg und die ideologische Vorbereitung
ihrer Rückeroberung bildete.
Owen Rees, Universität Oxford (The Music of Francisco Guerrero and Aspects of
Marien Devotion) behandelte das für die Zeit nach dem Konzil von Trient zentrale
Thema der Marienverehrung anhand der Musik von Francisco Guerrero und ergänzte seine
Beobachtungen mit Bemerkungen zur Ikonographie, Architektur und Theologie.
Cristina Urchueguia, Julius-Maximilians-Universität Würzburg (Frühe iberische
Quellen im Lichte der Überlieferung) zeigte, daß die Überlieferung
niederländischer Musik nach Spanien nicht auf dem direkten Weg erfolgte, sondern über
Italien.
Michael Zywietz, Universität Münster (Die Magnificat-Kompositionen Nicolas
Gomberts und ihr zeitgenössischer Kontext) beschrieb die Beziehungen ausländischer
Musiker und Komponisten zu Spanien und ihre Bedeutung für die spanische Musik anhand der
Magnificat-Kompositionen Nicolas Gomberts für die Hofkapelle Karls V..
Manuel Carlos de Brito, Neue Universität Lissabon (The Iberian Context of Portugese
16th and 17th Century Music) behandelte ebenfalls die
musikalischen Beziehungen über Landesgrenzen hinweg, in diesem Fall die
portugiesisch-spanischen Musikbeziehungen des 16. und 17. Jahrhunderts.
Daniel G. Geldenhuys, Universität Pretoria (Oral Abstract Image Transmission of a
Spanish-European Musical Tradition to Central America during the 16th to the 18th
Century), erweiterte den Horizont nach Übersee. Er zeigte den musikalischen Austausch
zwischen Spanien und seinen amerikanischen Kolonien am Beispiel der villancicos,
die als Weihnachtslieder mit der Christianisierung zunächst nach Amerika gebracht wurden,
um im 16. und 17. Jahrhundert mit amerikanischen Elementen angereichert wieder nach
Spanien zurückkehren.
Der Orgelmusik widmeten sich Dámaso García Fraile, Universität Salamanca (El
«nuevo estilo» en la música española para tecla a finales del siglo XVI), Agustí
Bruach, Barcelona/Regensburg (Einige Bemerkungen zu den Topoi der Batalla in der
spanischen Orgelmusik des 17. Jahrhunderts) und Esther Morales Cañades, Meppen (Verzierungen
in der spanischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts).
Rainer Kleinertz, Universität Regensburg (Las labradoras de Murcia von
Ramón de la Cruz und Antonio Rodríguez de Hita. Eine «zarzuela popular»?),
richtete die Aufmerksamkeit noch einmal auf das 17. und den Beginn des 18. Jahrhunderts,
die Zeit, in der sich Spanien weitgehend von Europa abwendete.
Gemäß der Zielsetzung der Fachgruppe, gerade auch jüngeren Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern Gelegenheit zum Gespräch und zur Vorstellung ihrer Arbeiten zu geben,
fügten sich den genannten Vorträgen noch frei Referate an. So sprachen Hilde Daniel,
Humboldt-Universität Berlin, über Die «zarzuela madrileña». Musikalische
Lokalstücke des 19. Jahrhunderts in Anknüpfung an «tonadilla» und «sainete» des 18.
Jahrhunderts und Konrad Landreh, Folkwang Hochschule Essen, zu Manuel de fallas
El amor brujo und die deutsche Presse.
Die Veranstaltung wurde durch drei musikalische Ereignisse ergänzt: In einem Konzert
in der Fachakademie für katholische Kirchenmusik und Musik-erziehung spielte Esther
Morales Cañades spanische Werke für Cembalo des 16. bis 18. Jahrhunderts, und Agustí
Bruach brachte in einer Orgelvesper in St. Oswald spanische Orgelwerke zur Aufführung,
darunter die Uraufführung eines Werkes des katalanischen Komponisten Josep Soler (*1935).
Den festlichen Abschluß bildete schließlich im Regensburger Dom die Aufführung der Missa
Saeculorum amen des 1599 gestorbenen sevillanischen Domkapellmeisters Francisco
Guerrero durch den Nachwuchschor der Regensburger Domspatzen unter Leitung von
Hans-Stephan Martin.
Rainer Kleinertz (Regensburg)