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"Spanien und die europäische Musik des 16. und 18. Jahrhunderts"

Internationales Symposium an der Universität Regensburg, 7.-9. Mai 1999

Die Musikwissenschaft hat sich bisher mit der spanischen Musikgeschichte eher schwer getan. Insbesondere in Deutschland erschien die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Land, sieht man von der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts oder bekannten Namen wie Albéniz und de Falla einmal ab, als etwas Peripheres, das kaum der Mühe ernsthafter Forschung wert zu sein schien. Anders als in der Kunst- oder Literaturgeschichte bildet Spanien geradezu einen weißen Fleck innerhalb der europäischen Musikgeschichte, was angesichts der vielfältigen territorialen und dynastischen Verbindungen zu Italien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden um so mehr überrascht. Zur Koordinierung aktueller Forschungen und Verbesserung der Zusammenarbeit mit Forschern andere Länder und Disziplinen, bildete daher die deutsche Gesellschaft für Musikforschung im vergangenen Jahr auf Initiative des Regensburger Privatdozenten Dr. Rainer Kleinertz eine Fachgruppe für deutsch-spanische Musikbeziehungen.

Dank der Unterstützung durch die Regensburger Universitätsstiftung Hans Vielberth und das spanische Ministerio de Educación y Cultura war es nun möglich, die erste Tagung dieser Fachgruppe im Rahmen eines vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Regensburg veranstalteten Symposiums über "Spanien und die europäische Musik des 16. und 18. Jahrhunderts" auszurichten.

Während des Symposiums wurde deutlich, daß Spanien im Verlauf der drei Jahrhunderte eine bemerkenswerte Wandlung im Verhältnis zur europäischen Musik durchlief. Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den Dekan der Philosophischen Fakultät I, Christoph Meinel, den Lehrstuhlinhaber für Musikwissenschaft, Detlef Altenburg, und den Leiter des Symposions, Rainer Kleinertz, legte Ignace Bossuyt von der Katholischen Universität Löwen in seinem Eröffnungsvortrag Spanien und die europäische Musik des 16. Jahrhunderts eindrucksvoll dar, in welchem Maße die spanische Musik dieser Zeit durch Drucke von Paris und Löwen über Prag bis nach Venedig verbreitet war. Im 17. Jahrhundert isolierte sich dann Spanien trotz seiner europäischen Besitzungen von vielen gesamteuropäischen Entwicklungen. Musikgeschichtlich besonders frappierend ist dabei die Beobachtung, daß Spanien die von Italien ausgehenden neuen Gattungen wie Oper, Kantate und Oratorium gar nicht oder nur höchst partiell übernahm. Erst im 18. Jahrhundert kam es unter dem ersten bourbonischen König Philipp V. zu einem verstärkten Einfluß der italienischen Oper, die hauptsächlich eine kulturelle Reaktion auf den Verlust der italienischen Besitzungen im spanischen Erbfolgekrieg und die ideologische Vorbereitung ihrer Rückeroberung bildete.

Owen Rees, Universität Oxford (The Music of Francisco Guerrero and Aspects of Marien Devotion) behandelte das für die Zeit nach dem Konzil von Trient zentrale Thema der Marienverehrung anhand der Musik von Francisco Guerrero und ergänzte seine Beobachtungen mit Bemerkungen zur Ikonographie, Architektur und Theologie.

Cristina Urchueguia, Julius-Maximilians-Universität Würzburg (Frühe iberische Quellen im Lichte der Überlieferung) zeigte, daß die Überlieferung niederländischer Musik nach Spanien nicht auf dem direkten Weg erfolgte, sondern über Italien.

Michael Zywietz, Universität Münster (Die Magnificat-Kompositionen Nicolas Gomberts und ihr zeitgenössischer Kontext) beschrieb die Beziehungen ausländischer Musiker und Komponisten zu Spanien und ihre Bedeutung für die spanische Musik anhand der Magnificat-Kompositionen Nicolas Gomberts für die Hofkapelle Karls V..

Manuel Carlos de Brito, Neue Universität Lissabon (The Iberian Context of Portugese 16th and 17th Century Music) behandelte ebenfalls die musikalischen Beziehungen über Landesgrenzen hinweg, in diesem Fall die portugiesisch-spanischen Musikbeziehungen des 16. und 17. Jahrhunderts.

Daniel G. Geldenhuys, Universität Pretoria (Oral Abstract Image Transmission of a Spanish-European Musical Tradition to Central America during the 16th to the 18th Century), erweiterte den Horizont nach Übersee. Er zeigte den musikalischen Austausch zwischen Spanien und seinen amerikanischen Kolonien am Beispiel der villancicos, die als Weihnachtslieder mit der Christianisierung zunächst nach Amerika gebracht wurden, um im 16. und 17. Jahrhundert mit amerikanischen Elementen angereichert wieder nach Spanien zurückkehren.

Der Orgelmusik widmeten sich Dámaso García Fraile, Universität Salamanca (El «nuevo estilo» en la música española para tecla a finales del siglo XVI), Agustí Bruach, Barcelona/Regensburg (Einige Bemerkungen zu den Topoi der Batalla in der spanischen Orgelmusik des 17. Jahrhunderts) und Esther Morales Cañades, Meppen (Verzierungen in der spanischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts).

Rainer Kleinertz, Universität Regensburg (‘Las labradoras de Murcia’ von Ramón de la Cruz und Antonio Rodríguez de Hita. Eine «zarzuela popular»?), richtete die Aufmerksamkeit noch einmal auf das 17. und den Beginn des 18. Jahrhunderts, die Zeit, in der sich Spanien weitgehend von Europa abwendete.

Gemäß der Zielsetzung der Fachgruppe, gerade auch jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Gelegenheit zum Gespräch und zur Vorstellung ihrer Arbeiten zu geben, fügten sich den genannten Vorträgen noch frei Referate an. So sprachen Hilde Daniel, Humboldt-Universität Berlin, über Die «zarzuela madrileña». Musikalische Lokalstücke des 19. Jahrhunderts in Anknüpfung an «tonadilla» und «sainete» des 18. Jahrhunderts und Konrad Landreh, Folkwang Hochschule Essen, zu Manuel de fallas ‘El amor brujo’ und die deutsche Presse.

Die Veranstaltung wurde durch drei musikalische Ereignisse ergänzt: In einem Konzert in der Fachakademie für katholische Kirchenmusik und Musik-erziehung spielte Esther Morales Cañades spanische Werke für Cembalo des 16. bis 18. Jahrhunderts, und Agustí Bruach brachte in einer Orgelvesper in St. Oswald spanische Orgelwerke zur Aufführung, darunter die Uraufführung eines Werkes des katalanischen Komponisten Josep Soler (*1935). Den festlichen Abschluß bildete schließlich im Regensburger Dom die Aufführung der Missa Saeculorum amen des 1599 gestorbenen sevillanischen Domkapellmeisters Francisco Guerrero durch den Nachwuchschor der Regensburger Domspatzen unter Leitung von Hans-Stephan Martin.

Rainer Kleinertz (Regensburg)

 

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Stand:
04.07.2007