Nicht nur in der hispanistischen Fachpresse, sondern
auch in Zeitungen wie der FAZ und der Zeit schlugen im Winter 1995/1996 die
Überprüfung des Ibero-Amerikanischen Instituts durch den Bundesrechnungshof bzw. die
danach folgenden Empfehlungen Wellen: Jene Aktivitäten des Hauses, die über die reine
Bibliotheksfunktion hinausgehen, gehörten demnach nicht zu den im Stiftungsgesetz
verankerten Funktionen. Striche man Kolloquien, wissenschaftliche Texteditionen,
Forschungsprojekte und kultur(politische) Veranstaltungen, könnten damit Stellen und
Finanzmittel eingespart werden und letztendlich die verbleibenden Bibliotheksbestände als
Sonderabteilung in die räumlich benachbarte Staatsbibliothek integriert werden. Gegen
diese Vorschläge regte sich Protest auf breiter Ebene: von Studenten der Freien
Universität Berlin ebenso wie von Professoren aus ganz Deutschland, von Diplomaten der
iberoamerikanischen Länder und von ausländischen Kulturinstitutionen.
Nun befindet sich das Institut in einer Bewährungsphase. Unter dem neuen Direktor
Dr. Günther Maihold wurden seit Juni 1999 bereits wichtige Weichenstellungen
vorgenommen, dabei stützt sich die Neuorientierung des Ibero-Amerikanischen Instituts auf
drei Säulen: vermehrte Nutzung der neuen Medien und erweitertes Serviceangebot in der
Bibliothek, aktuelle, themenbezogene und interdisziplinäre Forschung sowie verstärkte
Öffnung für den interkulturellen Dialog.
Eine Expertenkommission berät das Ibero-Amerikanische Institut bei der umfassenden
Neugestaltung. Ihr gehören Prof. Ellenberg (Berlin), Prof. Ette (Potsdam), Prof. Münzel
(Marburg), Prof. Nitsch (Berlin), Prof. Potthast (Bielefeld), Prof. Prem (Bonn) und Prof.
Puhle (Frankfurt) an. Neben der Beratung bei der mittel- und langfristigen Planung von
Forschungsprojekten werden sie auch eine kritische Evaluation vornehmen.
Seit Dezember 1999 wird das Institut durch einen Freundeskreis unterstützt, der in der
Öffentlichkeit das Bewußtsein für die Rolle des Hauses in Wissenschaft und Kultur
fördert. Ein international besetzter Ehrenvorstand begleitet die Arbeit des Instituts von
Lateinamerika aus. Ihm gehören Künstler und Intellektuelle an, die dem Haus verbunden
sind, er setzt sich zusammen aus Carlos Fuentes (Mexiko), Héctor Aguilar Camín (Mexiko),
Rosa Regás (Spanien), Angeles Mastretta (Mexiko), Sergio Ramírez (Nicaragua), Fernando
Cardenal (Nicaragua), José María Pérez Gay (Mexiko) und Antonio Skármeta (Chile).
Aktuelle Informationen über die Aktivitäten des Freundeskreises finden sich unter www.iai.spk-berlin.de
unter den dort genannten Adressen sowie über das Sekretariat des IAI, wo auch
Beitrittsformulare zu erhalten sind.
In der Bibliothek des Instituts - sie stellt mit 800.000 Bücher und 25.000
Zeitschriften die größte Sammlung für die iberoamerikanischen Länder in Europa und
zugleich eine der größten in der Welt dar - werden neuere Werke bereits seit 1994
elektronisch erfaßt. Die Umwandlung des konventionellen Zettelkatalogs in elektronische
Form ("Retrokonversion") steht in nächster Zeit bevor. Bereits jetzt gibt es
die Möglichkeit, über Internet auf den elektronischen Katalog (OPAC) und den
digitalisierten Zettelkatalog (IPAC) zuzugreifen unter http://www.iai.spk-berlin.de/Biblioth/biblkatd.htm.
Den täglich etwa 120 Benutzern bietet ein neues CD-ROM-Netz den Zugriff auf
Fachbibliographien, Bibliothekskataloge und ganze Jahrgänge von Zeitschriften. Die
Umstellung auf neue Medien, die im Bibliotheksbereich immer mehr an Bedeutung gewinnen und
den Zugang zu Informationen beschleunigen, wird in Zukunft durch die Einrichtung eines
Current-Contents-Dienstes fortgeführt: Die Inhaltsverzeichnisse der wichtigsten
Fachzeitschriften werden damit online abrufbar sein. Ein weiteres Projekt in Planung ist
der Dokumenten-Lieferdienst (vergleichbar etwa SUBITO), der gegen Kostenerstattung
Literatur in kurzer Zeit verfügbar macht.
Auch bei den Publikationen des Ibero-Amerikanischen Instituts wird das Spektrum
erweitert: Neu hinzugekommen ist die Reihe der Ibero-Analysen, die jeweils in
konzentrierter Form Hintergründe und Fakten zu aktuellen Ereignissen wie Wahlen,
Wirtschaftsreformen etc. liefert. Die Zeitschrift Ibero-Americana wird sich nach
einer konzeptionellen Neubearbeitung in Zukunft neben Themen aus Literatur- und
Sprachwissenschaft auch sozialgeschichtlichen, politischen und ökonomischen Aspekten
widmen. In der Reihe Biblioteca Ibero-Americana, die bisher über 70 Bände
gegenwartsbezogener Forschungen umfaßt, werden u.a. die umfassenden Ländermonographien
wie Spanien heute, Mexiko heute mit ihren Panoramen der jeweiligen Länder,
ihrer Gesellschaft, politischen Verfassung, Wirtschaft, Kunst und Kultur fortgesetzt.
Im wissenschaftlichen Bereich baut das Ibero-Amerikanische Institut die bereits
bestehenden Kontakte aus und strebt neue Vernetzungen an. Dazu gehören beispielsweise der
Berlin-Brandenburgische Forschungsverbund wie auch eine verstärkte Zusammenarbeit mit
osteuropäischen Lateinamerikazentren. Neue Forschungsprojekte in Kooperation mit Partnern
in ganz Europa und Lateinamerika ordnen sich unter die beiden Großthemen "Kulturelle
Globalisierung und Identität in Lateinamerika" und
"Europäisch-lateinamerikanische Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart"
In Berlin nutzt das Institut die neuen Hauptstadtfunktionen, um über
Expertengespräche in den Dialog mit Politikern und anderen Entscheidungsträgern
einzutreten und die vorhandenen Länderkompetenzen zur Verfügung zu stellen. Erste
Treffen mit der deutsch-südamerikanischen Parlamentariergruppe wurden bereits erfolgreich
durchgeführt.
Mit diesen Neustrukturierungen strebt das Ibero-Amerikanische Institut ein tragfähiges
Konzept für die Zukunft an, das einer weiteren Evaluation - noch vor dem 75-jährigen
Bestehen des Hauses im Jahre 2005 - standhält.
Ulrike Mühlschlegel