Anläßlich des 500. Geburtstages Karls V. fand
vom 22.-25.02.2000 in Münster und Bonn die interdisziplinäre Tagung "Konkurrierende
Diskurse unter Karl V." unter der Leitung von Christoph Strosetzki statt. Während
die Teilnehmer zunächst in Münster tagten, wurde die Tagung am Freitag in die
Räumlichkeiten der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn
verlagert und so eingebunden in die feierliche Eröffnung der Ausstellung zu Karl V., die
noch bis zum 21. Mai 2000 für die Besucher geöffnet ist.
Die international besetzte Tagung widmete sich der ebenso facettenreichen wie
rätselhaften Gestalt des Habsburgerkaisers Karls V. (zugleich König Karl I. von Spanien)
und seines immensen Herrschaftsreiches. Ein Großteil der Vorträge konzentrierte sich auf
die Figur des Herrschers und ging der Frage nach, inwiefern die Politik des Reiches durch
die Persönlichkeit Karls V. geprägt oder vielmehr durch sein Umfeld bestimmt worden war.
So skizzierte Alfred Kohler (Wien) in seinem Eröffnungsvortrag "Mercurini Gattinara,
seine Autobiographie und die kaiserliche Politik von 1519 bis 1530" die politische
Bedeutung des Großkanzlers Gattinara in den frühen Jahren der Regierungszeit Karls V.
Kohler wies darauf hin, daß trotz der allgemein anerkannten Bedeutung Gattinaras für die
politische Entwicklung Karls eine umfassende Monographie seiner Autobiographie immer noch
ausstehe.
Wilhelm Ribhegge (Münster) und Martin Brecht (Münster) widmeten sich dem Verhältnis
Karls zu zwei einflußreichen Persönlichkeiten der damaligen Zeit: Erasmus und Luther.
Ribhegge ging der Frage nach, inwieweit Erasmus bzw. erasmistisches Denken den Kaiser
tatsächlich hatte beeinflussen können. Gestützt auf die zahlreichen Zeugnisse der
aufkommenden Briefkultur kommentierte Ribhegge neben dem Briefwechsel zwischen Karl und
Erasmus auch die bislang unveröffentlichte Korrespondenz zwischen Erasmus und Alfonso de
Valdés und hob hervor, daß Erasmus und Karl V. gleichermaßen von den überlieferten
Normen und Werten der ´christianitas´ geprägt waren. In Hinblick auf das Verhältnis
der beiden großen Schlüsselfiguren im Streit um die zerfallene Glaubenseinheit gelangte
Brecht zu der These, daß es einen tatsächlichen Gedankenaustausch zwischen Karl V. und
Luther nie gegeben habe. Die wenigen überlieferten Zusammenkünfte zeugten vielmehr von
wechselseitigem Unverständnis. Unter Berufung auf neues Quellenmaterial unterstrich
Brecht den Tatsachencharakter einer bislang in der Historiographie umstrittenen Episode:
der Besuch des Kaisers an Luthers Grab in der Schloßkirche zu Wittenberg und seine
Weigerung, Luthers sterbliche Überreste verbrennen zu lassen.
Auf die unterschiedlichen geistesgeschichtlichen Einflüsse kaiserlicher
Regierungskonzepte ging Horst Pietschmann (Hamburg) in seinem Vortrag "Conceptos
imperiales en la Castilla de Carlos V." ein. Insbesondere in Kastilien sei die Idee
eines spanischen Imperiums im Gegensatz zum römischen Kaisertum auf eine große
Anhängerschaft gestoßen. Johannes Arndt (Münster) widmete sich dagegen der dynastischen
Politik des Hauses Habsburg. Sein Vortrag "Habsburgische Hauspolitik im Vergleich:
die Entstehung Österreichs und des Burgundischen Kreises" kam zu dem Schluß, daß
man seit Mitte des 14. Jh. versucht hatte, mit Hilfe gefälschter Dokumente Konzessionen
zu erlangen, die die Abtretung von Kompetenzbereichen an das Haus Habsburg vorsahen, um
sie so der Verwaltung des Deutschen Reiches zu entreißen. Den Blick nach Amerika richtete
Karl Kohut (Eichstädt) in seinem Vortrag "Carlos V y América en la historiografía
y epopeya (siglo XVI)", der aus mentalitätsgeschichtlicher Perspektive den
Stellenwert der Entdeckung Amerikas in der historiographischen Produktion zur
Regierungszeit Karls V. erläuterte. Kohut gelangte zu der Schlußfolgerung, daß das
Interesse Karls für die neue Welt größer war als von der Forschung allgemein
angenommen.
Mehrere Vorträge widmeten sich der Kirchenpolitik Karls und der Bedeutung der
Reichstage für die kaiserliche Herrschaft. Manfred Hinz (Passau) erläuterte die von
Protestanten und Katholiken erbittert geführte Kontroverse um die Rechtfertigungslehre
und hob in seiner Analyse die dem heutigen Betrachter überraschend erscheinenden
Ähnlichkeiten protestantischer und jesuitischer Auslegungen des Prinzips der doppelten
Rechtfertigung hervor. Maximilian Lanzinner (Passau) zeichnete anhand eines Vergleichs der
Reichstage von 1521 bis 1555 die wesentlichen Entwicklungslinien der neben dem Kaiser
wichtigsten Regierungsinstitution des deutschen Reiches nach. Während sich einerseits
eine Erstarkung des politischen Einflusses der Stände beobachten ließ, war andererseits
eine zunehmende Hierarchisierung der Stände festzustellen. Lanzinner hob hervor, daß
Karls Eintreten für eine einheitliche Universalkirche weniger einem regidem dogmatischen
Traditionalismus entsprang, als vielmehr seiner persönlichen Gottesgewißheit und
Christusfrömmigkeit. Die Frage der Gläubigkeit Karls V. war ebenfalls Gegenstand des
Vortrags von Ferdinand Seibt (München), der die Religionspolitik des Kaisers vom Wormser
Reichstag 1521 bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555 analysierte. Hinsichtlich der
Bewertung der Christusfrömmigkeit des Kaisers wies Seibt abschließend auf die von Karl
persönlich in Auftrag gegebene "Gloria" des Tizian hin, jene Darstellung des
Jüngsten Gerichts, in dessen Himmel der Kaiser im Büßergewand ganz ohne Beistand der
sonst üblichen Märtyrer und Heiligen vor der triumphierenden Dreifaltigkeit kniet. Klaus
Wagner (Sevilla) ergänzte die Ausführungen zur Kirchenpolitik Karls V. durch seinen
Vortrag, der sich mit der Situation der Protestanten und anderer Dissidenten in Spanien
zur Zeit Karls V. beschäftigte. Wagner erläuterte die These vom Nutzen des Lutheranismus
für die innerkirchlichen Reformen, wie sie von Kardinal Francisco Jiménez Cisneros in
die Wege geleitet worden waren und veranschaulichte die unterschiedlichen Ausprägungen
heterodoxer Strömungen am Beispiel der Städte Sevilla und Valladolid.
Einen weiteren thematischen Schwerpunkt der Tagung stellte das Verhältnis Karls V.,
der in der Historiographie als Förderer der Künste bezeichnet wird, zu Presse, Kunst und
Literatur dar. Zentrale Frage war, inwiefern die Medien mitunter auch
Herrschaftsinstrumente des Kaisers waren. So skizzierte Augustín Redondo (Paris) in
seinem Vortrag "La ´prensa primitiva´ (relaciones de suceso) al servicio imperial
de Carlos V." die Rolle der Presse, deren Instrumentarien und ihre Vereinnahmung
durch die rivalisierenden politischen Interessen der damaligen Zeit. Ergänzt wurde der
Aspekt der Medien durch den Vortrag von Clive Harvey Griffin (Oxford), der die Situation
der im Buchdruck beschäftigten protestantischen Arbeiter in Spanien und deren Konflikte
mit der Inquisition beleuchtete. Gestützt auf Nachforschungen in den Archiven der
Inquisition legte er dar, daß es sich bei den Arbeitern hauptsächlich um Ausländer, in
der Regel Franzosen, handelte, die durch relativ hohe Löhne und die neue Mobilität des
Marktes angezogen worden waren.
Die Instrumentalisierung der Dichtung durch die Krone stellte Víctor Infantes (Madrid)
in den Mittelpunkt seines Vortrages ("´A un rey tan alto querer alabar.´ Gobierno y
poesia para un Emperador"). Infantes skizzierte die spanische Tradition des
Mäzenatentums, dessen Ursprünge weit vor dem Zeitalter Karls V. zu finden sind. Herbert
Smolinsky (Freiburg) erörterte unter Bezug auf die zeitgenössische Formel "Homines
non nascuntur sed finguntur" neue Aspekte zum Zusammenhang zwischen Bildung und
Kirchenreform zur Zeit Karls V. Aus religionshistorischer Perspektive beleuchtete er die
Vereinnahmung des aufkommenden Bildungsstrebens für die Zwecke kirchenreformatorischer
Auseinandersetzungen. Daniel Crews (Warrensburg/Missouri) zeichnete gestützt auf
umfangreiches Quellenmaterial die Rolle des Humanisten Juan de Valdés´ nach, der in der
Camarino-Krise (1534-35) als Botschafter des Kaisers seine Dienste anbot. Jacqueline
Ferreras (Paris) zeigte in ihrem Vortrag "Géneros literarios en la España del siglo
XVI: el Diálogo humanístico, crisol de experimentaciones literarias" am Beispiel
des humanistischen Dialogs die allmähliche Säkularisierung der Kunst des Siglo de Oro
auf. Ausgehend von der Darstellung der verschiedenen Religionsgruppen in den
zeitgenössischen Traktaten der Epoche untersuchte Dietrich Briesemeister insbesondere die
soziokulturellen und politischen Bedingungen einer immer deutlicher werdenden Verfestigung
von Vorurteilen in der spanischen Gesellschaft.
Encarnación Sánchez García (Neapel) ging am Beispiel der ´Viaje de Turquía´ von
Pedro de Urdemalas der Frage nach, inwieweit die literarische Aufnahme antiker Motive der
neuen politischen Situation in Spanien und im Kaiserreich nützlich war. Sie kam zu dem
Schluß, daß das klassische Heldenethos den passenden, auch literarischen Rahmen für die
veränderte politische Situation im Weltreich Karls V. darstellte, zumal die Tugenden
eines Helden der Renaissance bereits in der Antike in der Figur des Odysseus verkörpert
waren. Antonio Ramajo Caño (Salamanca) stellte in seinem Vortrag "Codificación de
la Vida en la poesía áurea" eine philologisch orientierte Untersuchung einzelner
Texte des Siglo de Oro vor, die das für die Renaissance charakteristische Motiv der
Lebensphasen des menschlichen Daseins aufgreifen. Stanislav Zimic (Austin/Texas) widmete
sich schließlich dem Thema: "Sátiras apologéticas pre-valdesianas de las cosas
ocurridas en Roma". Zimic wies nach, daß Juan de Valdés beim Abfassen seines
´Diálogo de las cosa ocurridas en Roma´ (1529) auf ältere Modelle von Autoren wie Gil
Vicente oder Torres Naharro rekurrierte, in denen ebenfalls Korruption und Morallosigkeit
der päpstlichen Kirche angeprangert wurden. "Die spanische Literatur in Wien zur
Zeit Karls V." war Thema des Vortrages von Christopher Laferl (Salvador Bahía,
Brasilien). Neben einem Überblick zur literarischen Produktion spanischer Texte in
Europa, hob Laferl die Rolle einer kleinen elitären Gruppe spanischer Literaten in Wien
hervor. Er führte die wichtigsten Namen ihrer Mitglieder an, die alle zum Umkreis des
Hofes Ferdinands oder seines Sohnes Maximilian gehörten. Des weiteren kommentierte Laferl
die Gliederung der Hofbibliothek und ihren Bestand an spanischen Werken.
Kurze Einblicke in die Musik am Hof Karls V. gewährte Klaus Hortschansky (Münster).
Als Bezugsrahmen für seine Analyse diente ihm das überlieferte Repertoire des
Kammerorchesters, insbesondere die am Hof Karls V. gespielten Motetten. Hortschansky
stellte fest, daß diese zwar festen, in der musikalischen Tradition verankerten Gesetzen
unterworfen waren, sich jedoch in der eigenwilligen Variation und Transformation bekannter
Themen auch innovative Elemente nachweisen ließen. Abgerundet wurde die Tagung durch den
Diavortrag von Elke Anna Werner (Münster) "Ritterethos und Landsknechtstaktik. Die
großen Schlachtensiege Karls V. in der Bildenden Kunst". Sie erläuterte
insbesondere Kunstwerke, die sich mit der Entscheidungsschlacht bei Pavia (1525)
auseinandersetzen. Werner stellte die These auf, daß bei dieser Motivwahl meist ein
persönliches Interesse des Künstlers vorlag, das, wenn es auch im Einzelfall politisch
motiviert sein konnte, doch nur in selten Fällen einen propagandistischen Zweck
verfolgte.
Abschließend läßt sich festhalten, daß der interdisziplinäre Ansatz der Tagung
intensive Diskussionen unter den Tagungsteilnehmern hervorgerufen hat, die im wesentlichen
stets auf die Frage hinausliefen, inwiefern das Studium der Quellen (Denkschriften,
Briefe, etc.) neue, gesicherte Erkenntnisse über die Persönlichkeit des Kaisers
zuläßt. Die eigenen Ansichten und Ziele Karls V. werden insbesondere in bezug auf dessen
Kirchenpolitik oft verdeckt von den Bestrebungen der ihn umgebenden Ratgeber und der
Reichsstände. Die Detailstudien haben hier interessante Erkenntnisse herausstellen
können und gezeigt, inwiefern der Kaiser darum bemüht war, zwischen den partikularen
Interessen der einzelnen Herrschaftsgebiete und dem Konzept der Universalmonarchie zu
vermitteln. Die Vorträge, die sich Literatur und Kunst im Zeitalter Karls V. widmeten,
haben daneben offengelegt, wie sich die Instrumentalisierung von Bildung und Kultur im
Herrschaftsdiskurs der damaligen Zeit gestaltete.