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Auszug aus:
Wolf Lustig: Christentum und christliche
Symbolik im spanischamerikanischen Roman des 20. Jahrhunderts.
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Dieses Buch ist zurzeit zum Sonderpreis von 8,50
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Autor erhältlich
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- 9. HIJO DE HOMBRE
:
DIE PROPHETIE EINES LATEINAMERIKANISCHEN CHRISTENTUMS
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9.1 ZUM
SOZIOKULTURELLEN UND LITERARISCHEN KONTEXT
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9.11 Die
Sonderstellung Paraguays
Der wohl bekannteste und
gelungenste aller lateinamerikanischen Romane, welche die Figur
Christi paramythologisch verarbeiten, stammt von einem
paraguayischen Autor. Der 1959 im argentinischen Exil
geschriebene und im folgenden Jahr erschienene Roman Hijo
de hombre ist für viele Kritiker außerdem die
erste große Nueva Novela. So gesehen greift der
Roman in seiner Relevanz natürlich weit über die
Grenzen des politisch, wirtschaftlich und kulturell vielleicht isoliertesten der südamerikanischen Länder hinaus. Sein
Gegenstand im engeren Sinne ist jedoch die Geschichte Paraguays und
seiner Menschen, wobei der Schwerpunkt auf dem ersten Drittel dieses
Jahrhunderts liegt, aber auch die vorausgegangene historische
Entwicklung immer wieder anklingt. Mit Recht hat Hugo RODRIGUEZ
ALCALA in einer der ersten umfassenden Würdigungen des
Romans diesen als intrahistoria del Paraguay
charakterisiert. Zwar erscheint es vielen wie ein Wunder,
daß gerade Paraguay, das in den fünfziger Jahren so gut
wie überhaupt keine literarische Tradition vorweisen konnte,
schließlich ein solches Meisterwerk der Erzählkunst
hervorbrachte. Indessen zeigt es sich, daß es alles andere
als ein Zufall ist, wenn gerade Christentum und Christus-Symbolik in
diesem Werk einen zentralen Platz einnehmen.
Paraguay ist eines der
"rückständigsten" und ärmsten Länder
Lateinamerikas. Aus anderer Sicht erscheint es als
das Land, in dem sich die kulturellen Traditionen aus der Zeit
vor und kurz nach der Conquista noch am lebendigsten erhalten haben.
Wesentliche Ursache ist in beiden Fällen die Isolation dieses
Landes, die nicht nur geographisch bedingt ist, sondern von der
historischpolitischen Entwicklung noch verstärkt wurde.
Paraguay erscheint als ein Gegenpol zu Chile, das sich besonders
hinsichtlich seiner literarischen Kultur als überaus
universalistisch, "modern" und europaorientiert erwiesen
hat.
Bezeichnenderweise
erfolgte die Grundsteinlegung zu Paraguays Inseldasein im
Zeichen des Christentums. im 17. und 18. Jahrhundert hatten die
Jesuiten in weiten Teilen des Landes Indioreduktionen
eingerichtet und bemühten sich, die zu missionierende
einheimische Bevölkerung gegenüber den materiell und
kulturell verheerenden Übergriffen der Encomenderos und
Bandeirantes abzuschirmen. Das Experiment der Societas
Jesu war bereits ein Versuch, die Lehren des
Evangeliums nicht nur spirituelljenseitig zu deuten, sondern ihre
soziale Dimension zu erkennen und sie auf irdische Wirklichkeiten zu
beziehen - vergleichbar mit dem Anliegen von LAS CASAS. Im
Vergleich mit anderen Missionsprojekten zeichnete sich das
jesuitische durch einen gewissen Respekt gegenüber den Elementen
der indigenen Kultur aus, die sich ins Christentum integrieren
ließen. Daran, daß die Jesuiten auf die
"Tabula-rasa-Strategie" verzichteten, liegt es nicht
zuletzt, daß Paraguay dasjenige Land Südamerikas ist, in
dem die Sprache der eingeborenen Bevölkerung von 90 % der
Bewohner beherrscht und für bestimmte
Lebensbereiche - verwendet wird.
Paraguay wurde
im Jahr 1813 die erste von Spanien unabhängige Republik
Südamerikas. Damit begann freilich jenes Vierteljahrhundert,
während dessen das Land von dem Dictador Supremo y vitalicio
Doctor Francia regiert wurde. Hauptleitlinie seiner Politik war die
absolute Autarkie, um derentwillen er das Land hermetisch gegen
ausländische Einflüsse abriegelte. Nichts Fremdländisches
Besucher, materielle oder geistige Güter - sollte die paraguayische Grenze überqueren.
Auch nach dem
Tod Francias blieb Paraguay eine isla en la tierra.
Seine kulturelle und politische Stagnation verfestigte sich unter dem
Regime weiterer Diktatoren auf Lebenszeit. Unter dem seit 1954
regierenden deutschstämmigen General Stroessner
dauerte sie weiter an.
In einem
solchen, in extremer Weise "konservativen" Klima haben
Religion, Christentum und Kirche natürlich weniger unter
den Anfeindungen der Moderne gelitten, als es in anderen
lateinamerikanischen Staaten der Fall ist. Nicht das
intellektuell-städtische, sondern das traditionell-rurale
Element gibt in der paraguayischen Kultur und Gesellschaft den Ton
an. Roa Bastos selbst charakterisiert den Stellenwert der Religion in
seinem Land treffend mit einem Ausspruch, den er in einem seiner
cuentos einem staatlichen Aufsichtsbeamten in den Mund legt:
"Evidentemente, la fe es el sentimiento nacional por
excelencia". Die Heilige Jungfrau von Caacupé ist die
Schutzpatronin des Landes, und die Wallfahrten zu diesem
Nationalheiligtum sind in ihrer - auch ökonomischen - Bedeutung
mit denen der mexikanischen Virgen de Guadalupe
vergleichbar. Die zumindest bis in die sechziger Jahre hinein
unangefochtene Allianz der Kirche mit der politischen Macht förderte
die systemangepaßten Ausdrucksformen des Religiösen.
Entscheidend
ist indessen, daß die paraguayische Volksreligiosität, wie
sie sich in der Wallfahrt nach Caacupé manifestiert, durchaus
und seit jeher ihre eigene Dynamik besitzt und sich so immer
wieder dem Zugriff der auf Orthodoxie bedachten kirchlichen
Hierarchie entzieht. Wenn das paraguayische Volk möglicherweise
das gläubigste unter den lateinamerikanischen
Völkern ist, dann liegt dies nicht an der "Macht" der
römisch-katholischen Kirche, sondern an der Lebendigkeit der
Volksreligiosität. Zwar kann an der großen
Bedeutung und dem moralischen und politischen Prestige des Paí
- des katholischen Priesters - innerhalb der traditionellen
Gesellschaft Paraguays kein Zweifel bestehen. Nicht selten
ergibt sich jedoch die paradoxe Situation, daß ein religiös
aufgeklärter, "säkularisierter" Geistlicher im
Konflikt steht mit der archaischen, oft als Aberglauben
abqualifizierten Religiosität seiner Pfarrkinder.
Die
katholischen Erneuerungstendenzen der fünfziger Jahre, die vor
allem von der Acción Católica getragen
wurden, konnten - anders als in Chile oder Mexiko - in Paraguay
überhaupt nicht Fuß fassen, bzw. sie blieben auf
mittelständische Kreise der Hauptstadt beschränkt.
Die
paraguayische Volksreligiosität, die nur unter Vorbehalt als
"Volkskatholizismus" bezeichnet werden kann, ist nicht
denkbar ohne das Substrat der Guaraní-Kultur, mit dem das
Christentum seit dem frühen 16. Jahrhundert eine Symbiose
eingegangen ist, die zu dem heutigen religiösen Synkretismus
führte. Die relativ differenzierte "Theologie" der
Guaraníes weist eine erstaunliche Affinität mit
christlichen Glaubensinhalten auf, so daß es zu einer soliden
Inkulturation der Symbole der Religion der Eroberer kommen konnte.
Der arme und leidende, aber die Hoffnung auf Auferstehung bergende
Christus wurde bald zum zentralen Symbol der mestizischen
Volksreligiosität. In welchem Maße sich die Erben der Guaraní-Kultur mit ihm identifizierten, bringt etwa eine
Kreuzigungsgruppe in einer alten Franziskanerkirche zum Ausdruck, bei
der Christus als Indio dargestellt wird, der von zwei weißen
Schächern umgeben ist.
Durch die von dem Erbe der
Guaraníes mitgeprägte Volksreligiosität ist freilich
nur die eine Hälfte der paraguayischen Kultur repräsentiert.
Das Prestige und die faktische Dominanz der abendländischen,
an die spanische Sprache gebundenen Kultur sind letztlich
unbestritten - ganz ungeachtet der Tatsache, daß eine Mehrheit
der Bevölkerung durch die Verwendung der Guaraní-Sprache
eine enge Bindung an die autochthone Kultur bewahrt hat. Die
Diglossie ist damit mehr als eine rein linguistische Problematik und
wird von vielen Paraguayern als eine schmerzhafte Konfliktsituation
empfunden.
Zusammen mit
Rubén BAREIRO SAGUIER und Bartolomeo MELIA ist Augusto Roa Bastos einer der Autoren, die ein besonderes Bewußtsein für
den Wert der volkstümlichen Kultur Paraguays entwickelt haben.
Nicht nur in seinem literarischen Werk, sondern auch in seinen
theologischen Schriften fordert und vollzieht er ständig aufs
neue die kritische Rückbesinnung auf Formen und Inhalte der
cultura popular.
Aus der Sicht
der dominanten Kultur, mithin auch aus der Perspektive einiger
bundesdeutscher Kritiker, erscheinen die Ausdrucksformen der
paraguayischen Volkskultur als Reliquien eines überholten Bewußtseinszustandes: "Ihre Welt ist nicht rational und
logisch gebaut, sondern ein mythisch-magisches Gemisch aus
indianischen Legenden und schamanischen Weisheiten, aus christlichem
Aberglauben und Gespenster- und Ungeheuergeschichten." Eine
Welt, der man höchstens noch ein ethnologisches Interesse
entgegenbringen kann? Was die scheinbar so abergläubische
Volksreligiosität anbelangt, ist aber auch eine andere Sehweise
möglich, mit der sich neben Roa Bastos neuerdings auch
zahlreiche Theologen und Ethnologen dem Phänomen nähern. So
hat für Sergio CAMPARA das traditionelle Ethos der Paraguayer
etwas Evangelisch-Urchristliches; es besitzt "un cierto
poder intrínsicamente evangelizador". Sollte hier
ein Ansatzpunkt für die Umkehrung des pädagogischen
Verhältnisses zwischen Abendland und Dritter Welt verborgen
sein? Vielleicht ist gerade Paraguay das Land, in dem die
Volksreligiosität jene Lebendigkeit, Differenziertheit und
gesellschaftliche Relevanz aufweist, aus der ein engagiertes
lateinamerikanisches Christentum hervorgehen kann. Festzuhalten ist
jedenfalls, daß auch in Paraguay die gesellschaftliche und
kulturelle Wirklichkeit im Zeichen jener "Biblizität"
steht, die eine Prämisse der Romane von Alejo CARPENTIER und
Manuel ROJAS war. Sie läßt sich als Rückständigkeit
und subdesarrollo interpretieren, hat aber zumindest kulturell
auch ihre positiven Aspekte. So erleichterte die Biblizität
der Guaraní-Mythen den Jesuiten-Patres die Missionierung. Die
Ureinwohner lebten bereits in der Erwartung des Messias, der sie in
die Tierra sin males führen sollte. Die Legende vom
Indien-Apostolat des heiligen Thomas ließ sich problemlos
mit einer Guaraní-Erzählung vom Paí Zumé
verknüpfen. Die Kartographen der Conquista-Zeit vermuteten das
irdische Paradies im Gebiet des heutigen Staates Paraguay. Die
historisch-politische und wirtschaftliche Realität straft diesen
Bezug zur Bibel indessen Lügen: spätestens seit der
Katastrophe des Chaco-Krieges paßt nur noch die Metapher des
Edén Maldito. Zwar "biblisch", aber alles
andere als ein Gelobtes Land ist Paraguay durch die Allgegenwart von
Witwen, Waisen und Leprakranken sowie eines allmächtigen
Diktators, der sich "der Höchste" genannt hat.
Eine der Besonderheiten Paraguays liegt offenbar darin, daß
sich die Parallelen mit der Welt des Alten und Neuen Testaments
geradezu aufdrängen.
9.12 Das Werk von
Augusto Roa Bastos im Kontext des spanischamerikanischen Romans
9.121 Zwischen texto
ausente und Nueva Novela
Betrachtet man Hijo
de hombre im Kontext der nationalen Literaturgeschichte
Paraguays, so scheint der Roman vielleicht die erste
Nueva Novela überhaupt - aus einem
Vakuum aufzutauchen. Bis 1960 war Paraguay eine literarische
terra incognita. Die oben skizzierte Sonderstellung des Landes,
besonders die politische Unterdrückung und damit auch die
stark eingeschränkte Freiheit des Wortes, dürfte die
wesentliche Ursache sein. Das wenige, was bis zum Erscheinen von Hijo
de hombre an Erzählliteratur vorlag, überragt
dieser Roman bei weitem. Am ehesten ist noch Gabriel CASACCIA mit La
babosa (1952) über die Grenzen seines Landes hinaus
bekannt geworden - ein Roman übrigens, der in seiner Darstellung
der paraguayischen Wirklichkeit dem Christentum und der Kirche
ebenfalls einen bedeutenden Platz einräumt.
Natürlich ist es
unangemessen, Roa Bastos ausschließlich vor dem Hintergrund
der paraguayischen Literatur zu betrachten, zumal er ab 1947 in
Buenos Aires lebte und ihm die Entwicklung der Erzählliteratur
in den anderen Ländern Lateinamerikas durchaus bekannt war.
Darüber hinaus ist auch Roa trotz seiner Herkunft aus einem
sprichwörtlichen "Hinterland" ein Kenner der
Weltliteratur. Als die für ihn bedeutendsten europäischen
und nordamerikanischen Autoren nennt er die gleichen Namen wie
so viele andere der hier untersuchten Romanciers: DOSTOIEVSKI und die
russischen Realisten, JOYCE, FAULKNER und Thomas MANN; dazu gesellen
sich unter anderem die Italiener Pier Paolo PASOLINI und Italo
CALVINO sowie der deutsche Philosoph Karl JASPERS. Roa
Bastos ist Zeitgenosse der Generación del 50,
und mit der Problematik, die im Zusammenhang mit den chilenischen
Autoren ausführlich dargestellt wurde, war auch er konfrontiert.
Roas eigenes Werk dokumentiert die Entwicklung von der
indigenistisch-regionalistischen Erzählung zum Meisterroman mit
universeller Bedeutung. Von vielen Kritikern wird Roa Bastos als
"magischer Realist" etikettiert, wobei allerdings
feststehen dürfte, daß es sich nicht - wie bei LAFOURCADE - um die Übernahme einer Mode handelt. Vielmehr entwickelt die
sogenannte "magisch-mythische" Schreibweise sich bei dem
Paraguayer aus einer kulturellen Notwendigkeit, lange bevor das
Schlagwort geprägt war. Sie verbindet sich wesentlich
ausdrücklicher als etwa bei CARPENTIER - mit einer sozial
oder besser "humanistisch" engagierten Position.
Bemerkenswerter als der Universalismus von Roas Werk, der bereits zum
Gemeinplatz der Forschung geworden ist, erscheint sein Wissen um die
Gefahren, die eine um jeden Preis universalistische Schreibweise
birgt. Der auch von Roa immer wieder beschworene compromiso
ist nicht vage "gesellschaftlich", sondern es ist ein
compromiso con el medio: d. h. das Universelle etwa
Mythen und christliche Symbole - bedarf der Verankerung in der
eigenen Erfahrungswirklichkeit. Der Verwendung und versuchten
Wiederbelebung von mitos universales stellt Roa Bastos
das Aufdecken der herencia cultural auténtica
entgegen, die ja kraft ihres symbolischen Charakters ebenfalls
über das jeweils historisch und kulturell Konkrete hinausweisen
kann und damit für den "fremden" Leser zu einer Art
hermeneutischer Brücke wird.
Von hier aus
wird deutlich, daß Hijo de hombre auch nicht
ausschließlich vor dem Hintergrund des sich um 1960 in ganz
Hispanoamerika herausbildenden neuen Romantypus gesehen werden
darf. Noch irriger wäre freilich der Versuch, Roas Vorbilder und
Materialien innerhalb der "Literatur", also des
veröffentlichten Schrifttums seines Landes, zu suchen. Im
Zusammenhang mit seiner Parteinahme für die Werte der
volkstümlichen Kultur unterstreicht Roa Bastos immer wieder, daß
es die mündliche Tradition ist, besonders die auf Guaraní
überlieferten Lieder und Erzählungen, die in der
paraguayischen Literatur und besonders in seinem eigenen Werk
die Rolle des texto ausente, des fehlenden "literarischen"
Erbes einnehmen.
Roa versteht
sich somit als Interpret einer allein schon durch ihre
Schriftlosigkeit unterdrückten Kultur. Von anderen Autoren der
Nueva Novela unterscheidet er sich durch die zunächst
erstaunliche Auffassung, daß das Universelle gerade aus der
Kultur des Volkes erwachse. Eine für Roas Selbstverständis
als Romancier sehr aufschlußreiche Passage aus Yo el
Supremo verdeutlicht, daß der universelle Charakter
der Volksliteratur etwas mit ihrem Bezug auf das Heilige, folglich
auch mit ihrem Gehalt an Symbolen zu tun hat:
Hubo épocas en la
historia de la humanidad en que el escritor era una persona sagrada.
Escribió los libros sacros. Libros universales. Los códigos.
La épica. Los oráculos. Sentencias inscriptas en las
paredes de las criptas; ejemplos, en los pórticos
de los templos. No asquerosos pasquines. Pero en aquellos
tiempos el escritor no era un individuo solo; era un pueblo.
Transmitía sus misterios de edad en edad. Así fueron
escritos los Libros Antiguos. Siempre nuevos. Siempre actuales.
Siempre futuros.
Tienen los libros un
destino, pero el destino no tiene ningún libro. Los
propios profetas, sin el pueblo del que habían sido cortados
por señal y por fábula, no hubieran podido escribir la
Biblia.
Auf die hier angedeutete
prophetische Funktion der Literatur wird noch zurückzukommen
sein. Wichtiger ist in diesem Zusammenhang das Bewußtsein, daß
auch der Autor, welcher der Kultur seines Volkes nahesteht und mit
ihr sympathisiert, allein schon durch seine Teilhabe an der
Kultur der Schrift und der Bücher vom Substrat seines Schaffens
"abgeschnitten" ist: eine Problematik,
die aus CARPENTIERs Los pasos perdidos bestens
bekannt ist. Es geht also nicht um die freie Alternative zwischen der
volkstümlichen, mündlich überlieferten Kultur und der
Integration in den mainstream des neuen lateinamerikanischen
Romans, sondern der paraguayische Autor sieht sich selbst in einem
Wanderzustand zwischen den beiden Polen. Er ist stets mit dem
bitteren Bewußtsein eines "Exils" behaftet,
ungeachtet der Tatsache, ob dieses - wie im Falle Roas - tatsächlich
mit der Emigration verbunden ist. Wie es der Autor selbst getan hat,
könnte man den spannungsgeladenen Charakter dieser Literatur als
"mestizisch" bezeichnen, wenngleich der zu oft als
literarkritisches Schlagwort benutzte Begriff die tatsächliche
Problematik eher durch Glättung verhüllt.
9.122 Zur Bedeutung
von Hijo de hombre als christlich-symbolischem
Roman:
die Rezeption durch die Kritik
Der gleich nach Erscheinen
mehrfach preisgekrönte Roman wurde innerhalb kurzer Zeit zum
Gegenstand einer inzwischen kaum noch überschaubaren Flut von
Veröffentlichungen. Der christlich-symbolische Gehalt des Werks,
der ja bereits durch den Titel eindeutig signalisiert wird, liegt für
jeden Leser auf der Hand, und kaum ein Kritiker verzichtet darauf,
diese Ebene des Werkes wenigstens zu konstatieren. Die im engeren
Sinne christliche Symbolik, die sich hier primär als
Christus-Symbolik manifestiert, erscheint als explizites Thema
mehrerer Aufsätze. Ihr wird aber auch dort eine
zentrale Funktion beigemessen, wo es um die condición
humana oder um die paraguayische intrahistoria
geht.
Es verwundert daher nicht,
wenn Hijo de hombre einer der wenigen
Romane ist, dessen Christus-Symbolik auch in
Literaturgeschichten, etwa bei Jean FRANCO und Kessel SCHWARTZ,
Erwähnung findet, zumal es sich um ein Werk handelt, dessen
Nennung im Gegensatz zu denen VERGARAs oder DROGUETTs nun einmal
obligatorisch ist. Darüber hinaus rangiert Hijo de hombre
als Paradebeispiel in den wenigen übergreifenden Studien, die
sich mit der Symbolik, dem Christentum oder gar der Christus-Symbolik
im neueren hispanoamerikanischen Roman befassen. Die
Beschäftigung mit Hijo de hombre und die
gleichzeitige Kenntnis des Werks von Edwin M. MOSELEY, Pseudonyms
of Christ in the modern novel, lassen D. W.
Foster an die Möglichkeit einer vergleichenden Untersuchung des
Christus-Symbols in der lateinamerikanischen Literatur denken, wobei
Roas Roman eine hervorragende Stellung zukäme.
Ferner liegen
inzwischen mehrere Monographien zu Roa Bastos vor, unter denen der in
den Twayne's World Authors Series
erschienene Band von D. W. Foster als zugleich umfassende und bündige
Einführung, die auch dem Christ-symbol accomodated
breiten Raum widmet, am meisten überzeugt. Neben einem schmalen
Band von Carlos BATTILANA ist die Bonner Dissertation von Rosalba
ANTUNEZ de DENDIA zu nennen. Sie enthält ein Kapitel zur
"dimensión religiosa y mítica. Los objetos
arquetípicos". Die Formulierung ist insofern
aufschlußreich, als sie resümiert, aus welcher Perspektive
die Beschäftigung mit dem Christlich-Symbolischen zumeist
erfolgt. Der christliche Gehalt dieses und anderer Werke wird
kurzerhand mit lo mítico assoziiert oder
gleichgestellt, und durch die christliche Dimension blickt man
hindurch auf das Abstrakt-Archetypische. Der Aufweis
biblisch-christlicher Strukturen dient nicht selten dazu, die
Zugehörigkeit des Werks zum sogenannten "Magischen
Realismus" zu untermauern.
Unter dieser
etwas klischeehaften Sehweise dürfte vor allem die Rezeption
des Romans im deutschsprachigen Bereich gelitten haben. Vor allem
Günter W. LORENZ, der sich dem paraguayischen Erzähler
offenbar besonders verbunden weiß, hat in seinen verschiedenen
Veröffentlichungen wohl zur Bekanntheit, aber nur in
beschränktem Maße zum besseren Verständnis von Roas
Werk beigetragen. Er stellt Hijo de hombre zwar als
einen "biblischen oder religiösen Roman" vor, leistet
sich aber bei seiner Deutung eine Reihe grober Mißgriffe, etwa
wenn er den Propheten Ezechiel auf der Basis des Mottos mit dem
Exodus und dem "menschgewordenden Gottessohn" verknüpft
oder wenn er ausgerechnet in diesem Roman eine Hiobs-Symbolik
durchscheinen sieht.
Für Leo
POLLMANN ist der christlich-symbolische Gehalt des Werks indessen
Anlaß genug, es einer Strömung der "restaurativen
Antithese (1956-59)" zuzuschlagen. Hierzu müßte man
zweifellos die Werke der chilenischen Generación del
50 rechnen und wohl auch einige Werke Carpentiers. Pollmanns
herablassende Bemerkungen über Roa als Autor eines
"Thesenromans" erscheinen jedoch verfehlt. Karsten
GARSCHA, der mit seinem Beitrag in Lateinamerikanische
Literatur der Gegenwart zweifellos eine große Anzahl
interessierter Leser in das Werk von Roa Bastos eingeführt
hat, mißt der christlichen Symbolik in Hijo de hombre
keine besondere Bedeutung bei. Für ihn handelt es sich primär
um einen historischen Roman. Zwar erkennt Garscha den Stellenwert,
welcher der volkstümlichen, mestizischen Kultur Paraguays in
Roas Werk insgesamt zukommt. Sie erscheint letztlich aber nur als ein
Konglomerat "mythisch-magischer" Elemente, die kaum mehr
als ein ästhetisches Interesse beanspruchen können.
Schwerlich
wird man das Christentum, wie es sich etwa in el trueno
entre las hojas äußert, schlichtweg als Aberglauben
abtun können - gleich ob man nun von einer orthodox-katholischen
oder einer skeptizistischen Warte aus urteilt. Einige der von den
deutschen Kritikern vernachlässigten oder verzerrten
Aspekte kommen erfreulicherweise in dem Beitrag von Roas Landsmann
Rubén BAREIRO SAGUIER in Materialien zur
lateinamerikanischen Literatur zur Sprache, wenn auch
auf knappem Raum: so insbesondere die Bedeutung der
biblisch-christlichen Symbolik, der Bezug zur Guaraní-Religiosität
und der religiös-politische Konflikt.
Trotz
zahlreicher, methodisch allerdings heterogener und um Teilaspekte
kreisender Vorstöße in den Bereich "Christentum und
christliche Symbolik" in Hijo de hombre ist diese
Problematik bisher keineswegs erschöpfend und systematisch
behandelt worden. Vielversprechend dürfte vor allem eine weniger
werkimmanente Würdigung von Hijo de hombre
sein. Die vorliegende Untersuchung will daher folgende Aspekte
besonders vertiefen, bzw. in die Diskussion bringen:
- Christentum und
christliche Symbolik als Konstante in Roas Gesamtwerk, unter
Einbeziehung der frühen Erzählungen;
- sein Bemühen, die
paraguayische Volksreligiosität als Quelle der christlichen
Symbolik und einer impliziten "Theologie" zu nutzen;
- die Vorwegnahme jenes
Modells eines veränderten, diesseitigeren Glaubens, der
sich seit Ende der sechziger Jahre auch in der Befreiungstheologie
formuliert;
- die Präsenz des
spezifisch Christlichen als Teil der lebendigen Kultur
Lateinamerikas - nicht gleichzusetzen mit der Persistenz
magisch-mythischer Elemente im Roman.
Ferner verfolgt dieses
Kapitel natürlich das Ziel, Gewißheit über die
Position Roa Bastos' im Vergleich mit anderen Autoren
christlich-symbolischer Romane zu erlangen. Der Aussage seines Werks
wird eine neue Dimension hinzugefügt, wenn sich zeigt, daß
dieser paraguayische Roman kein isoliertes Phänomen ist, sondern
in einer - dem Autor vielleicht zunächst nicht bewußten - kommunikativen Beziehung mit anderen Werken der
hispanoamerikanischen Literatur steht.
9.2 AUGUSTO ROA
BASTOS:
BIO-BIBLIOGRAPHISCHES
9.21 Christentum und
christliche Symbolik in Roas Gesamtwerk
Wie viele der allzuoft von
Interviewern heimgesuchten Autoren im Umkreis des boom
ist Augusto Roa Bastos jeder biographischen Schnüffelei abhold.
Was an seinem Leben wesentlich sei, so betont er, sei in sein Werk
eingegangen: man suche dort. Dennoch ist unbestritten, daß
gewisse Konstanten in Roas Schaffen - hier eben seine Beziehung zu
Glaube, Kirche und Volkskultur - besonderes Gewicht erlangen, wenn z.
B. an der Biographie des Erzählers deutlich wird, wie sehr sie
tatsächlich das Leben eines Autors in Paraguay bestimmen.
Unter diesem Gesichtspunkt
bedarf es zumindest der Erwähnung, daß Roa Bastos in einer
eindeutig "katholischen Atmosphäre" aufgewachsen ist.
Seine Eltern entstammen dem gebildeten Bürgertum der Hauptstadt
Asunción. Seinen Vater charakterisiert der Autor als "un
hombre culto que había estado a punto de convertirse en
sacerdote, hasta que descubre que esa no era su vocación y
abandona la carrera eclesiástica". Seine
Kindheit verlebt Roa auf einem Gut im Süden des Landes, wo sein
Vater in der Zuckerproduktion beschäftigt ist. Den ersten
Kontakt mit der Literatur - besonders mit Werken des spanischen Siglo
de Oro - erlangt der Junge durch die Bibliothek seines Onkels,
des Bischofs von Asunción, der als eine überaus
sympathische Persönlichkeit in einem cuento aus el
trueno entre las hojas wiederkehrt. Seine Sekundarbildung
erhält Roa auf einem Colegio de curas.
Abgesehen von Reisen in das vom Zweiten Weltkrieg erschütterte
Europa tragen seine "Lehrjahre", also die Zeit bis zum 1947
angetretenen argentinischen Exil, den Stempel der kulturellen
Isolation und der gesellschaftlich-politischen Erstarrung Paraguays.
Den während jener Epoche entstandenen Arbeiten mißt der
Autor später keinerlei Bedeutung bei.
Dennoch muß
es als Glücksfall bezeichnet werden, daß der nunmehr in
Toulouse lebende und lehrende Autor im Jahre 1978 eine seiner lange
verschollenen "Jugendsünden" wieder zugänglich
gemacht hat. Die um 1930 Roa war damals 13 Jahre alt - entstandene Erzählung Lucha hasta el alba stieß
als núcleo generador vor allem des großen Romans
Yo El Supremo sofort auf großes Interesse bei der
Kritik. Aber auch die literarischen Verfahrensweisen, die aus
Hijo de hombre einen christlich-symbolischen Roman
machen, sind hier angelegt. Roa selbst bezeichnet die Erzählung
als "paráfrasis del texto bíblico sobre la lucha
nocturna de Jacob, que yo prefería entre todos los que mi
madre leía por las noches y que invariablemente comentaba en
guaraní, reinventándolos a veces en un tiempo más
cercano y con personajes conocidos". Als paramythologische Folie
kehrt hier also jene Episode aus Genesis 32 wieder, die auch im
Zentrum der Symbolik von LAFOURCADEs Para subir al
cielo stand. Wie in Hijo de hombre wird eine
symbolisch zu lesende Bibelpassage dem Text als Motto
vorausgeschickt, die einen wichtigen Anhaltspunkt für die
Deutung des Geschehens liefert: "Y quedóse Jacob solo, y
luchó con él una Persona hasta que rayaba el alba.
(Génesis 32, 24)". Während aber in dem
chilenischen Roman der Rückgriff auf die Jakobs-Episode gänzlich
artifiziell war eine auktoriale Laune des Romanciers -,
wird bei Roa deutlich, wie die Wahl der biblischen Vorlage ein
Ausdruck des compromiso con el medio ist. Der
Protagonist, aus dessen Perspektive der Erzähler die
Geschehnisse darbietet, identifiziert sich von vorneherein selbst mit
Jakob - wie Carpentiers Held mit Adam und Ramón Neira mit
Christus -, und diese Identifikation hat ihre existentielle
Motivierung: Die Jakobsgeschichte ist Teil jenes Corpus' mündlich
überlieferter Erzählungen, die für den jungen Augusto
das wirklich lebendige Erbe der paraguayischen Kultur ausmachten. Das
biblisch-christliche Element wird demnach als Teil der
religiös-kulturellen Identität des Landes verstanden. Der
Held der Kurzgeschichte verspürt indessen ein Unbehagen an
dem "orthodoxen" Ablauf des Geschehens und seiner
traditionellen Deutung. Wie Ramón Neira "korrigiert"
er den biblischen Text nach Maßgabe seiner eigenen
Imagination. Der Kampf mit der "Person" wird hier in einer
Weise reinterpretiert, die spontan aus dem Bewußtsein des
Jugendlichen erwächst und dadurch von dem Stigma der
unverbindlichen Beliebigkeit frei ist. Auch dieser Jakob verläßt
den Kampfplatz mit ausgerenkter Hüfte. wichtig ist aber, daß
es ihm gelingt, die "Person" zu töten. Wie Roa
später selbst bemerkt, ist diese Tat als parricidio zu
deuten. Es geht dabei aber nicht primär um einen
tiefenpsychologisch zu interpretierenden Archetyp. Der vom Rumpf
getrennte Kopf des Widersachers weist das raubvogelhafte Profil
des Karaí-Guasú, des Obersten Diktators
Dr. Francia, auf, der ebenso ein paraguayischer "Mythos"
ist wie die Erzählungen der Bibel und die Guaraní-Legenden.
Auch diese Überlagerung der Instanzen (Übervater = Diktator
= Gott) ist von Droguett und anderen Autoren her vertraut. Roas
Erzählung ist ein weiterer Kommentar zur Entstehung der
Vorstellung vom "bösen Gott", gegen den die
Rebellion und Befreiung so mancher, nicht selten christusähnlicher
Figur gerichtet ist. Zwar mag dafür ein archetypisches Substrat
universell gegeben sein; wie sich bei verschiedenen
spanischamerikanischen Autoren zeigt, ist der Kontext der politischen
Unterdrückung jedoch nicht weniger entscheidend.
In
Roas erster Erzählung überlagern sich drei
Wirklichkeitsbereiche. Der Leser blickt zunächst durch den Text
hindurch auf "dos paisajes superpuestos": die Welt des
Alten Testaments (den Ort Manhanajim der Genesis) und das
zeitgenössische Paraguay (es ist z. B. die Rede von der
Bedrohung der väterlichen Fabrik durch Revolutionäre).
Schließlich tritt auch noch die Szenerie des Neuen
Testaments, nämlich "Nazareth" hinzu. Als werde hier
das Prinzip der figurativen Bibelexegese angewandt, weist die
Wirklichkeit des Alten Testaments auf die Welt Jesu voraus. Eine
Christus-Ähnlichkeit des Helden wird vage insinuiert;
deutlicher ist die Identität des Protagonisten mit Johannes dem
Täufer, der als
seinerseits auf Christus verweist. In "Nazareth" entwickelt
sich ein Konflikt mit der religiösen Autorität,
repräsentiert durch den Rabbi Zacarías, der den
häretischen Jakob nicht als hombre santo anerkennt. Die
strukturelle Parallele zur Zurückweisung des Cristo rebelde
durch den Pfarrer von Itapé als Vertreter der Amtskirche in
Hijo de hombre ist evident. Bemerkenswert erscheint
schließlich, daß dieser Vorläufer der Roaschen
Christusfiguren anders als jene - am Ende der
Geschichte Opfer des gott-väterlichen Fluchs wird und einen wohl
definitiven Tod stirbt. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man die
Situation - mit Milagros ESQUERRO - zur Emmaus-Szene in Beziehung
setzt, bei der es ja um das Erkennen des für immer lebenden
Christus geht. Von diesem letzten Punkt abgesehen ist die kurze
Erzählung tatsächlich ein núcleo generador
auch der christlich-symbolischen Schreibweise, die in Hijo de
hombre an ihren Höhepunkt gelangt. Festgehalten
werden muß vor allem die Anbindung einer rebellischen
christlichen Symbolik an die von der Mutter vermittelte
traditionelle, mündliche Kultur mestizischer Prägung.
Roa Bastos hat
sich auch als Lyriker versucht. Seine Gedichte lassen Spuren der
ersten Begegnung mit der Literatur in der Bibliothek seines Onkels
erkennen, die im Zeichen der metaphernreichen Lyrik des spanischen
Siglo de Oro und der Romantik stand. Auch diese frühen
Werke tut Roa später als Nichtigkeiten ab. Dennoch fällt
auf, daß auch hier biblische Bildlichkeit und religiöse
Problematik eine bedeutende Rolle spielen. Schon der Titel einer
Sammlung von Gedichten aus der Anfangszeit des Exils ist bezeichnend:
El naranjal ardiente. Die zarza des Moses
(Exodus 3, 1-10), Symbol von Gottes Präsenz im ägyptischen
Exil, Keimzelle des Exodus, wird in südamerikanische Erde
verpflanzt. So ist in den Sonetos de destierro
die Rede von "tus labios de muerto / conversando con Dios":
¡Qué cosas
le dirías al oído
de tu dolor profundo,
de
aquella obstinación desesperada,
de tu esperanza sembrada
sobre el mundo
como una rama verde en un desierto!
Vollends zutage tritt die
befreiende Dimension eines modifizierten Christentums in der
Erzählung El viejo señor
obispo, die in dem 1953 erschienenen Band El trueno
entre las hojas enthalten ist. D. W. Foster hat darauf
hingewiesen, daß ein Großteil der Hauptfiguren der
hier zusammengefaßten Erzählungen christusähnliche
Züge aufweist; vor allem aber dieser Bischof erscheint ihm
als "a Christ figure in the most literal sense of the word".
Es geht um einen Bischof, der mit der Solidarität Christi
gegenüber den Armen ernst macht, gemäß der
Erkenntnis, daß der wahre Tempel Christi das Herz der
Gemarterten sei (28). Er teilt seinen Besitz mit Aussätzigen,
Prostituierten und anderen Randfiguren der Gesellschaft und pflegt
mit ihnen die Mahlgemeinschaft. Weil er sich der Kollaboration
mit den Handlangern der politischen Unterdrückung entzieht und
darüber hinaus Sympathien für Revolutionäre und
Rebellen hegt, macht er sich selbst zum Marginierten, setzt sich dem
Mißtrauen und den Repressalien der staatlichen und klerikalen
Macht aus. Der kirchliche Würdenträger wird selbst zum
Armen und Gekreuzigten - "las manos clavadas en la cruz por
amor" (31) -, der dennoch unverzagt das Reich der Liebe und der
Gerechtigkeit prophezeit: "algún día los pobres
estarán arriba, y entonces el hermano no odiará al
hermano. Y será para siempre" (31). Die "Basisgemeinde",
die sich um den Bischof schart, ist Abbild der biblischen
Jüngergemeinschaft und erinnert zugleich an die
Dreiergemeinschaft in Hijo de ladrón. Der
postfigurative Charakter ihrer Situation ist der Gemeinde bewußt:
"con uno más [...] seríamos doce como los Santos
Apóstolos" (32), wobei der Leser möglicherweise zu
der Erkenntnis gelangt, daß die Schwester des Bischofs,
die als seine Stellvertreterin fungiert, gewissermaßen die
fehlende apóstola ist. Damit tritt ein weiteres
Charakteristikum von Roas modifiziertem Christentum hervor: die
"Feminisierung" eines religiösen Erbes, in dem das
männlich-patriarchalische Element deutlich überwiegt. Nach
einer Ultima cena, die nicht frei ist von
mystischen Akzenten, verstirbt der alte Bischof - jedoch nur, um
in eine Art "ewiges Leben" einzugehen, dessen Möglichkeit
im weiteren Werk von Roa Bastos immer wieder anklingt: "Su alma
ya estaba fundida en la luz, en el canto de los pájaros, en la
celeste calma del universo como una gota de fuego de Dios - pensó ella [die Schwester des Bischofs]
- disuelta en un
infinito cántaro de oro." (38)
Wichtig ist wieder, daß
diese Vision einer "Kirche der Armen" nicht einem
amtskirchlichen Reformprojekt entspringt - etwa dem sozialen
Engagement der Acción Católica
-, sondern daß "tierra y sufrimiento" sie
hervorbringen" (40). In der Erzählung manifestiert sich
eine Dichotomie und Opposition zwischen römisch-katholischer
Kirche und "autochthon" lateinamerikanischem Christentum:
El pórtico por
donde salía para el cumplimiento de su ministerio era grave y
majestuoso, puesto que era la misma Puerta de San Pedro.
Después de doce
años de ausencia el joven sacerdote regresó y encontró
que su pueblo estaba maniatado y apersogado con tiras oscuras
arrancadas a su propia piel por el cuchillo de capataces y capangas
y por el sable de los tiranuelos de turno, castrenses o no. [...] Y
fue a Roma siendo todavía un niño.
Pero a su vuelta, sí,
a su vuelta vio la realidad tal como era. De las alfombras del
Vaticano a su tierra roja y violenta cuyas tolvaneras parecían
de humo de sangre, la transición fue brusca y reveladora.
Sólo entonces comprendió en toda su magnitud el drama
de los suyos. Y se empeñó, ya que no podía
remediarlo radicalmente, por lo menos en suavizar sus heridas. (27
f.)
Daß
lateinamerikanische Verhältnisse sich aus "römischer
Sicht" nur unangemessen beurteilen lassen, daß die
Realisierung des Evangeliums etwa in Paraguay zu anderen
Haltungen führt als in Europa, ist eine Problematik, die durch
die Konflikte um die Befreiungstheologie eine unerwartete Aktualität
gewonnen hat.
Einigen Kritikern ist die
Figur des alten Bischofs sehr wohl aufgefallen. Man deutete ihn als
"modelo de hombre comprometido" oder als Inbegriff eines
"humanismo revolucionario". Obwohl Mabel
PICCINI die Struktur von Roas Denken, wie es sich in El trueno
entre las hojas und später auch in Hijo de hombre
offenbart, richtig charakterisiert - nämlich als Hoffnung auf
das Ausbrechen aus einem mörderischen Kreislauf -, verfehlt sie
den historischen, antimythischen Charakter dieses Projekts.
Seine maßgeblichen Impulse liegen im christlichen Erbe und
nicht in dem magisch-mythischen Substrat, das in der Geschichte
ebenfalls verarbeitet ist. Zumindest der alte Bischof ist kein
hechicero oder "mago de una sociedad primitiva". Seine Aktivität orientiert
sich nicht an einem mythischen Archetyp, auch nicht an einer Gesellschaftsutopie
marxistischer Prägung, sondern sie erwächst aus der Begegnung mit dem Christus
der Evangelien - a la paraguaya.
Hier liegt nicht Zauberei vor, sondern historisches Handeln aus
eigener Verantwortung - wenngleich der sentimentale Ton der Erzählung
dies stellenweise verhüllt.
Die
Alternative zu einem Glauben, der die Erlösung als eine
Angelegenheit des Jenseits betrachtet und daher die irdischen
und menschlichen Wirklichkeiten vernachlässigt, steht auch
im Mittelpunkt einer anderen Erzählung aus El trueno
entre las hojas. In El karuguá geht es um
die Begegnung mit einem geheimnisumwobenen "Messias", der
in der Wildnis ein diesseitig-revolutionäres Evangelium
predigt und nach Jüngern "fischt". Er selbst
identifiziert seinen Lebensweg mit dem Jesu Christi; sein Kreuzestod
war der Chaco-Krieg:
Decía que había
subido durante tre día al cielo y que allí Dio le
había encargado la misión de salvar al mundo. Para eso
lo había resucitado de entre lo'muerto' al tercer día,
como a Jesucrito. Eplicaba con todo lo'detalle cómo era
el Paraíso. Según él, etaba en la punta de un
cerro de oro y plata en la luna. Al principio lo ecuchábamo'
embobado. Decía que el Padre Eterno no lleva barba como en
la' sigura' del Catecimo, sino que e' un hombre casi tan joven como
Jesucristo "que e' un hombre idéntico a mí",
decía cerrando lo' ojo y etendiendo lo' brazo con la
cara al cielo. (119)
Festzuhalten ist die
Humanisierung des Göttlichen, die ja auch in Hijo
de hombre betrieben wird. Das religiös-politische
Credo dieses "Messias" wird von einem Zeugen seiner
Aktivitäten so zusammengefaßt:
Decía que Dio le
había encargado arrelar alguna' falla del plan original.
"En la creación del mundo, decía Aparicio Ojeda,
Dio sólo había pensado en la felicidá de
lo' hombre en el cielo. Ahora no quiere que lo' hombre eperen tanto.
Quiere que sean felí ya aquí mimo, en ete valle de
lágrima. Me ha dado un sitema político completo
para conseguir a ustede' eto. Yo ko no soy solamente un salvador
religioso sino también un salvador político. Tiene que
escucharme todo' ustede y seguirme, si no te queré que un
terrible catigo caiga sobre ete pueblo y sobre toda la tierra. Yo
traigo a ustede la salvación pero también te traigo el
catigo..." Aparicio Ojeda no' quemaba con su'ojo. Ya se hacía
llamar Ñandeyara'í. (120)
Die Ideen dieses "idealista
práctico y expeditivo", der "mit einem Bein im
Himmel und mit dem anderen auf der Erde steht", sind in mancher
Hinsicht wiederum eine Vorwegnahme der befreiungstheologischen
Praxis. Sie gehen freilich darüber hinaus, insofern als Aparicio
Ojeda - so der Name des Eiferers - mit seinem religiösen
Auftrag ein "komplettes politisches System" verbindet.
Die politische Praxis, zu der ihn seine Inspiration treibt, mündet
in ein Inferno von Terror und Gewalt. Der Reformer vom
karuguá entpuppt sich als falscher Prophet, dessen
anfänglicher Humanismus vom Willen zur Macht korrumpiert wird.
Er ist damit ein Vorläufer des russischen Arztes in Hijo de
hombre. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, daß
sein Vorläufer in dem cuento ein naturalisierter
Pole namens Sergio Miscowsky ist. Aus dem Kommentar des
testimonialen Erzählers geht jedoch hervor, daß das
Projekt des "Verrückten" nicht prinzipiell
zurückgewiesen wird:
Era un profeta y un
estadista nato, sobre todo al modo en que lo entiende nuestra
moderna concepción de la religión y de la política.
Sus deficiencias teológicas eran apenas perceptibles. Sus
fallas políticas tal vez no fueron otras que su exceso
de sinceridad y su falta de flexibilidad. Ambas lo arruinaron pero
en cambio le permitieron renovar, durante el corto tiempo de su
actuación, ciertos métodos que estaban languideciendo
injustamente en el arsenal de las ideas políticas y
religiosas de su tiempo. (121)
Weniger ausgeprägt,
aber ebenfalls vernehmbar ist das Projekt eines anderen Christentums
in den weiteren Erzählungen des Bandes, etwa in der
Titelgeschichte. In fast allen Erzählungen
geht es letztlich um die Rebellion gegen eine den Menschen
entwürdigende Ungerechtigkeit. Der Impuls kann al filo
del agua verharren, aber auch einen
explosionsartigen Ausbruch hervorrufen. So sind wohl auch der Titel
und das Motto zu verstehen:
El trueno cae y se queda
entre las hojas. Los animales comen las hojas y se ponen violentos.
Los hombres comen los animales y se ponen violentos. La tierra se
come a los hombres y empieza a rugir como el trueno. (De
una leyenda aborigen)
Der Donner wird hier zu
einer epiphanischen Gewalt, die den fatalistisch akzeptierten
ewigen Kreislauf der Unterdrückung sprengen kann. Zwanzig Jahre
später spricht Roa Bastos von dem rebellischen Christus in Hijo
de hombre als Ausdruck eines "temblor subterráneo
en la sociedad" und verbindet seine Figur mit einer
Entwicklung, die im Christentum, der Kirche und der Theologie
Lateinamerikas inzwischen unübersehbar geworden ist.
Angesichts der realen Situation der lateinamerikanischen Kirche in
den frühen fünfziger Jahren beweisen die Geschichten
vom "Donner zwischen den Blättern" einen
"prophetischen" Weitblick.
Zwei weitere Erzählungen
sind zu erwähnen, die sowohl inhaltlich als auch von ihrer
Entstehungszeit in der Nähe von Hijo de
hombre angesiedelt sind und in verschiedenen Sammelbänden
mehrfach veröffentlicht wurden: Borrador de un informe
(1958) und El kurupí (1959).
Im Mittelpunkt
des ersten cuento steht die Wallfahrt zur Virgen de Caacupé - gleichsam der Inbegriff der volkstümlichen Kultur Paraguays.
Das Geschehen wird aus der Perspektive eines subalternen staatlichen
Beamten berichtet, der die bei dieser religiösen
Massenveranstaltung zu befürchtenden Übergriffe und
Subversionen verhüten soll. Tatsächlich gipfelt die Feier
in einer häretischen, aus der Sicht der politisch-kirchlichen
Macht blasphemischen Zeremonie. Aller Aufmerksamkeit wird durch
eine vorüberziehende Frau gebannt, die ihr Bußkreuz trägt
und "una inquietante semejanza al crucificado"
aufweist (61): ein "Cristo hembra" (62) und als
meretriz - zugleich Postfiguration der Maria Magdalena.
Die Vertreterin des "pueblo humilde", für welche der
interventor nur Verachtung empfindet, scheint zunächst
eine größere Gewalt zu haben als die Vertreter der
Ordnungsmacht, denn sie versperrt deren Wagenkolonne den
Durchlaß (62). Schließlich stirbt sie eine Art Opfertod.
Sie büßt damit für den psychologisch-sexuellen
Komplex des Staatsdieners, der seinerseits nur Ausdruck der
"Unordnung" - oder Ungerechtigkeit - des oppressiven
politischen Systems ist.
So wie die Geschichte auf
der einen Seite die Korruption der "Ordnung" hervortreten
läßt, zu der auch die Kirche als ökonomische
Nutznießerin der Wallfahrt gehört, gestaltet sie auf der
anderen Seite die Authentizität und Reinheit der scheinbar
sündigen Volksreligiosität.
In ganz enger
thematischer Beziehung zu Hijo de hombre steht die
Erzählung el kurupí. Die Hauptfiguren
sind eben der hölzerne Christus von Itapé und der jefe
político Melitón Isasi, der auch im letzten
Kapitel von Hijo de hombre eine wichtige Rolle spielt.
Die Geschichte läßt sich als fakultatives weiteres
Kapitel zu diesem Roman lesen. Der volkstümliche Christus
erscheint als Ergebnis einer "pequeña revolución
levantada por un loco" (125) und steht in einer spannungsvollen
Beziehung zu Melitón; wegen seines sexuell
ausschweifenden Lebenswandels hat dieser den Übernamen el
kurupí erhalten, der auf eine indigene phallische
Gottheit verweist. Alle Mädchen des Dorfes haben unter ihm zu
leiden; sein letztes Opfer, Felicita Goiburú, ist wieder eine
weibliche Inkarnation des Cristo leproso. Daß Melitón
Isasi mit dem örtlichen Vertreter der kirchlichen Hierarchie im
Bunde steht, verwundert nicht. Interessant ist die Schilderung der
durchschnittlichen Religiosität einiger gutsituierter
Einwohner von Itapé als "toter Glaube". Als mehrere
Dorfbewohner den Pfarrer um Beistand gegen den dämonischen
jefe político bitten, bekommen sie
Beschwichtigungen zu hören wie: "¡Cada uno debe
cuidar la salvación de su alma!" und "¡Es muy
feo meterse en la vida de los demás!" (136) Warten auf
ein Wunder und Beten (137) sind die einzigen Aktivitäten, die
der Vertreter der Kirche dem Leiden seiner Nächsten
entgegenzusetzen weiß.
An dieser
Erzählung wird besonders deutlich, daß der "revolutionäre
Humanismus", der dem Leser als das Ethos der besprochenen
cuentos entgegentritt, nicht ohne weiteres auf die
autochthone magisch-mythische Vorstellungswelt zurückgeführt
werden darf. Diese offenbart sich hier vielmehr als Substrat der
dämonischen, unmenschlichen violencia. Ebensowenig
Perspektiven eröffnet die mit der politischen Macht assoziierte
Kirche, die sich aus der Wirklichkeit der menschlichen Gemeinschaft
zurückgezogen hat, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Der
Cristo leproso ist der Repräsentant einer dritten Kraft,
Sohn eines wohl eher utopischen mestizaje, in das die jeweils
positiven Elemente der autochthonen und der christlichen Kultur
eingegangen sind. Erst in Hijo de hombre kommt
es zu einer erzählerischen Realisation des modifizierten
Christus-Symbols, die all diese Aspekte miteinbezieht.
An dieser
Stelle empfiehlt sich ein Vorgriff auf Yo El Supremo,
das 1974 erschienene, wohl ambitiöseste Erzählwerk des
Paraguayers. Wie schon bei der Betrachtung der "Keimzelle"
dieses Romans, der Erzählung lucha hasta el alba,
zu erkennen war, ist hinter der Gestaltung des Diktators als Ich,
der Höchste die Vorstellung des "bösen Gottes"
verborgen, jener bei lateinamerikanischen Autoren so oft
anzutreffenden Umkehrung des biblisch-christlichen Gottesbegriffs.
Karl KOHUT hat darauf hingewiesen, daß auch für diese
Romanfigur der Vergleich und die Identifikation mit Christus eine
Rolle spielt. Dr. Francia geht aus der literarischen Bearbeitung als
ein ebenso falscher Messias hervor wie der Verrückte vom
karuguá oder der russische Arzt in Hijo de hombre.
Seine "Sünde" ist die Anmaßung nicht nur der
absoluten politischen, sondern auch der göttlichen Macht.
Dennoch sind die Gedankengänge des Diktators zu Rolle und
Funktion von Christentum und Kirche bemerkenswert und decken sich
weitgehend mit dem Idearium der Erzählungen. Eine als "Beichte"
angekündigte Passage wird zur Abrechnung mit den Vergehen
und Versäumnissen der Kirche in Paraguay, so daß es
schließlich der herbeigerufene Geistliche ist, der zum
Bekenntnis seiner Sünden gezwungen wird. "El Supremo"
hat die Kirche ihrer Macht beraubt, ohne von jenem Ideal des
"Urchristentums" abzulassen, um dessentwillen schon in
der Bibel die Pharisäer der Heuchelei angeklagt werden:
El Paí-cura es el
que ha hecho adúltero a este pueblo leal. Lleno estaba de
inocencia, de natural bondad. ¡Si por lo menos lo hubiesen
dejado vivir en su primitivo cristianismo! Ya el Antiguo Testamento
narra las iras de Jehová contra Jerusalén agusanada de
escribas y fariseos. Narra las fechorías de los malos
sacerdotes, de los falsos profetas. Si esto sucedía en los
tiempos de Jehová con el llamado Pueblo de Dios, ¿qué
miserias no iban a reinar en estas tierras que los católicos
conquistadores y misioneros vinieron a reducir a un anticipado
infierno para mayor gloria de Dios? (359 f.)
Die "Theologie"
des Diktators ist - wie diejenige Roas - von einer radikalen
Diesseitigkeit:
Ustedes dicen: Jesús
nació bajo el poder de Poncio Pilatos. Fue crucificado.
Descendió a los infiernos. Al tercer día resucitó
de entre los muertos y subió a los Cielos. Pero yo le
pregunto: ¿Dónde nació Jesús? En el
mundo, Céspedes. ¿Dónde trabajó? En el
mundo. ¿Dónde pasó su martirio? En el mundo.
¿Dónde murió? En el mundo. ¿Dónde
resucitó? En el mundo. Por tanto, ¿dónde están
los infiernos? En el mundo, pues. El infierno está en el
mundo y ustedes mismos son los diablos y diablillos con tonsura y la
cola la llevan colgando por delante. (356)
Neben diesem inhaltlichen
Zug kommt in dem Roman auch das formale Prinzip der
christlich-symbolischen, paramythologischen Schreibweise zur Sprache;
hier etwa bei dem Versuch, eine wunderliche Mißbildung zu
beschreiben:
Leí toda la Biblia
buscando un hecho igual para encontrar comparancia. Isaías
me dijo que ninguna obra, ningún libro de valor se había
perdido en este mundo ni en los otros. Pregunté al profeta
Ezequiel por qué comió excremento y permaneció
tanto tiempo yaciendo sobre su costado derecho y también
sobre el izquierdo. (429)
Ständig wird in diesem
Roman die Bibel als "Vergleichscode" herangezogen. Die
jeweiligen Sprecher folgen bei ihrem Versuch, die lateinamerikanische
Wirklichkeit auf den Begriff zu bringen, dem in Zusammenhang mit
Los pasos perdidos
beschriebenen Verfahren. Dieses dem Bildungsniveau der Figuren von
Yo El Supremo entsprechende Vorgehen unterscheidet
sich wesentlich von jenem Entstehen der paramythologischen
Schreibweise aus der volkstümlichen und mündlichen
Überlieferung, wie sie sich in einigen Erzählungen
andeutet.
9.22 Roas
Christentum:
der heimatlose Prophet
Nach diesem ersten Blick
auf Roas erzählerisches Werk kann kein Zweifel mehr daran
bestehen, daß der Auseinandersetzung mit dem christlichen Erbe
bei ihm ein sehr großes Gewicht zukommt. Es bedarf keines
außerliterarischen Glaubensbekenntnisses von seiten des
Autors, um festzustellen, daß der Gedanke an Gott, die
Beschäftigung mit Jesus Christus, ihn zumindest unterbewußt
nie in Ruhe gelassen haben. Das Christentum scheint Roa Bastos in
einer anderen, existentielleren Weise zu berühren als z. B.
Alejo Carpentier, bei dem es doch nur als ein fast lebloser
kultureller Code in Funktion tritt. In seinen theoretischen
Schriften, in denen zwar von Gott und Christus nur selten die Rede
ist, aber nichtsdestoweniger mit paratheologischer Begrifflichkeit
operiert wird, tritt Roa als ein zumindest kryptoreligiöser
Autor hervor. Daß die "Suche nach dem Absoluten" bei
seinem Schreiben eine Rolle spiele, gesteht er offen zu.
Wenn er von "Revolution" spricht, betont er, daß
damit ein integraler Wandel gemeint ist, der auch der spirituellen
Dimension, wie sie etwa in der cultura popular zum Tragen
kommt, wieder stärkeres Gewicht verleiht. Die religiöse
Problematik kommt dort offen zur Sprache, wo sie mit dem Schicksal
der volkstümlichen Kultur Paraguays verknüpft ist.
Angesichts der Dominanz des
Christlichen in Roas literarischer Imagination ist es unter
Kritikern natürlich auch zu Spekulationen über seine
Katholizität gekommen. Fest steht zweifellos, daß er
kein "katholischer Autor" ist wie etwa VERGARA oder der
frühe LEÑERO. Etwas paradox klingt die Formulierung
Rodríguez Alcalás, der Roa als "un católico
que sobrevive a la pérdida de la fe" bezeichnet.
In Borrador de un informe manifestiere sich "a
pesar de todos los pesares, el cristiano que sobrevive hoy en el
escritor rebelde, humanista y predicador". Dieser Auffassung
zufolge schleppt der Autor sein Christentum als eine Art Ballast, als
eine tote Hülle mit sich herum, die ihn bei seiner Entfaltung
eher hemmt als fördert. Diese und andere Bemerkungen von
Kritikern, die in Roas Umgang mit dem Christentum Ketzerei, Satire
und Blasphemie sehen, sind ebenso wie die Erzählungen
selbst - vor dem Hintergrund der vorkonziliaren Kirche in
Lateinamerika zu sehen: es gab keinen Bezugsrahmen, der es gestattet
hätte, diese Schreibweise anders denn als Sakrileg
einzuordnen. Da die traditionelle fe im wesentlichen als
jenseitsgerichteter Glaube in Erscheinung getreten ist, wird das
engagierte Eintreten für einen Wandel der irdischen
Wirklichkeiten, das ja auch einen Glauben voraussetzt, als
pérdida de la fe zur Kenntnis genommen.
Wenn man hingegen tiefer in das Denken des Autors vorstößt,
etwa die Frage nach seiner Geschichtskonzeption stellt, so zeigt
sich, daß er in bezug auf ein dogmatisch verhärtetes
Christentum zwar ein Häretiker sein mag, in seiner Haltung
gegenüber der zyklischen Geschichtsauffassung der
magisch-mythischen Weltsicht aber in der christlichen Tradition
steht.
Auf der Basis
seiner christlichen Erziehung, die seit frühester Kindheit mit
einer immer bewußteren Empfänglichkeit für die
Gehalte und Formen der volkstümlichen Kultur und der
Volksreligiosität einhergeht, entwickelt er einen eigenen
Glauben, fast schon ein theologisches System, das im Rahmen der
Analyse von Hijo de hombre weiter entfaltet
werden soll.
Ein erster
Glaubenssatz ist die zumindest partielle Diesseitigkeit des Heils.
den Armen soll schon hier und nicht erst im Jenseits geholfen
werden. Ein weiteres Element von Roas Credo liegt in seinem
Verständnis Christi als eines Rebellen und in der Vorstellung,
daß das Leiden um des Nächsten willen das
Engagement für die Gerechtigkeit - nicht vergebens ist,
sondern in ein noch näher zu bestimmendes "ewiges Leben"
mündet. "Gott" spielt bei diesem Denken keine Rolle.
Von ihm hat man sich abgewandt, weil er allzusehr zum Symbol der
kirchlichen und politischen Unterdrückung geworden ist. Diese,
vom letzten Punkt abgesehen, keineswegs unchristliche Haltung konnte
freilich weder in der Theologie noch in der Kirche der fünfziger
und sechziger Jahre eine Heimat finden. Es handelt sich um einen
"verwaisten" Glauben war seine Tat doch der
"Mord am Vater" , der notwendigerweise
häretisch erscheinen mußte. Zum einen bleibt ihm als
gewisse Stütze die Volksreligiosität, sofern auf ihr
ebenfalls das Stigma der Häresie lastet. Niemals kann aber ein
Intellektueller bis zum Schwinden jeglicher Distanz in ihren Schoß
zurückkehren. Im wesentlichen scheint es in der Literatur
zu sein, wo sich ein christliches Zukunftspotential artikulieren
kann, dem sich die lateinamerikanische Kirche offiziell erst nach
1968 öffnet. Die schriftstellerische Imagination fungiert
solange als Zufluchtsort des Glaubens. Als Roa sich in den siebziger
Jahren von den Entwicklungen in Theologie und Kirche Lateinamerikas
eingeholt sieht, zeigt er sich nicht weniger erstaunt als Carlos
DROGUETT, der sich in einer ähnlichen Situation befunden hat,
wenngleich der Paraguayer in der narrativen Umsetzung seines
reinterpretierten Christentums noch einen Schritt weiter gegangen
ist.
Vom Christentum geprägt
ist nicht nur die Bilder- und Gedankenwelt von Roas Erzählungen,
sondern auch sein Verständnis von der Aufgabe des
Schriftstellers in Lateinamerika und von der Literatur im
allgemeinen. In dem Ende der siebziger Jahre enstandenen Interview
mit Günter Lorenz spricht Roa noch in einer "theologisch
neutralen" Weise von seiner Aufgabe als Schriftsteller in
Lateinamerika:
Ich gehe einfach davon
aus, daß ich das Gewissen der Welt dadurch, ein bißchen
wenigstens, wecken kann, indem ich der Welt meine Meinung über
die Welt sage. Ich kann, auch wenn ich mir andere Begründungen
zurechtbiegen würde, auch dann könnte ich als
Schriftsteller ja nichts anderes tun, als der Welt meine Meinung zu
sagen über die Welt, wie sie ist, und, wenn es hochkommt,
vielleicht auch noch hinzuzufügen, wie sie sein könnte
oder sollte oder wie ich möchte, daß sie sein soll oder
eines Tages werden soll.
Inhaltlich unterscheidet
sich dieses Programm aber nicht von dem, was er später in die
Nähe einer palabra profética rückt:
"En cierta medida lo es [palabra profética], pero sólo
en cuanto propone una nueva forma de conocimiento y de
iluminación de los hechos humanos y del destino humano en
relación con la estructura histórica de la que
ella forma parte." Gleich den prophetischen Schriften des Alten
Testaments, die in Roas Werken ja immer wieder erwähnt werden,
hat die Literatur die Aufgabe, einen noch nicht erfüllten
Sinn der Geschichte in der escritura durchscheinen zu lassen.
Sie ist eine antizipierende Chronik der Befreiung, "la Crónica
de la liberación como la objetivación, en
una vuelta completa, del tiempo histórico en su realidad no
cumplida".
In Roas neuesten
Veröffentlichungen sind die Parallelen mit der Begrifflichkeit
und der Argumentationsweise der Befreiungstheologie unverkennbar,
besonders im Hinblick auf die Notwendigkeit eines "prophetischen"
Engagements. Nicht zu vergessen ist dabei,
daß das prophetische Wort für Roa Bastos aus der
Kultur des Volkes, aus den Hoffnungen der Armen, aus der jeweiligen
gesellschaftlichen Realität erwächst.
In genau
diesem Sinne "prophetisch" ist Roas Erzählen
schließlich, weil es schon seit den fünfziger Jahren,
lange vor dem Aufkommen der Befreiungstheologie, aus seiner
Begegnung mit der autochthonen Kultur Paraguays, zu der auch das
Christentum gehört, befreiende Perspektiven entwickelt. Die
Arbeit an Hijo de hombre, durch welche sich diese
Begegnung vertiefte, erscheint in den rückblickenden Worten des
Autors wie ein Offenbarungserlebnis mit Anklängen etwa an
Ezechiel: "Esta especie de inmersión en el mundo
totalmente desamparado de mi pueblo transformó totalmente
no sólo el plan inicial; transformó mi visión de
las cosas, mi visión de la vida, del mundo; [...]".
9.3 HIJO DE
HOMBRE
9.31 Das Geschehen
und die Strukturen der Erzählung
Roas bedeutendster Roman
ist eine große Synthese der Themen, Motive und Verfahren, die
bereits in den eben vorgestellten, früheren Erzählungen
hervorgetreten sind. Hijo de hombre
wurde 1959 preisgekrönt und erschien im folgenden Jahr bei
Losada. Aber einzelne "Kapitel" dieses wie ein Mosaik
zusammengesetzten Werks waren bereits in den Jahren davor
entstanden und wurden auch als Einzelerzählungen veröffentlicht.
Was das Thema des Romans anbelangt - der Kenner von Roas früherem
Werk kann es bereits dem "christlichen" Titel
entnehmen -, so hat der Autor es selbst folgendermaßen
formuliert und vorinterpretiert:
al margen de la anécdota,
es la crucifixión del hombre común en la búsqueda
de solidaridad con sus semejantes; es decir, el antiguo drama de la
pasión del hombre en la lucha por su libertad, librado a sus
solas fuerzas en un mundo y en una sociedad inhumanos que son su
negación.
Diese
Formulierung verrät bereits ein gewisses Desinteresse an der
Handlung, die der Roman erzählt. Tatsächlich ist das Thema
des von seinem Nächsten gekreuzigten Menschen, das sich in der
leitmotivischen Christus-Symbolik kristallisiert, auch
strukturell von größerer Bedeutung als das sehr heterogene
Geschehen. Da dieses aber zum Träger einer paramythologischen
Dimension wird, muß es kurz rekapituliert werden. Der Roman ist
charakterisiert durch die Parallelität zweier Erzählstränge.
Die Einheit der ungeraden Kapitel I-IX ist gegeben durch den teils
autobiographisch, teils testimonial berichtenden Erzähler Miguel
Vera und sein Heimatdorf Itapé, um das die Geschehnisse dieser
Sequenz im wesentlichen kreisen. Die ungeraden Kapitel II-VIII
konzentrieren sich hingegen auf das Dorf Sapukai und die Figur
des Cristóbal (Kiritó) Jara.
Das erste Kapitel (Hijo
de hombre) erzählt von der Person Gaspar Moras, einem
im Dorf sehr beliebten Musiker, Holzschnitzer und Zimmermann, der,
als er an Lepra erkrankt, sich in die Wildnis zurückzieht. Nach
seinem Tod findet man in seiner Hütte eine hölzerne
Christusfigur, auf die sich die ganze Persönlichkeit ihres
Schöpfers übertragen zu haben scheint. Bald wird sie für
das ganze Dorf zum Gegenstand der Verehrung - nur mit dem
Dorfgeistlichen gibt es Schwierigkeiten: er verwehrt der Figur, dem
Produkt eines "Unreinen", den Zutritt zum Gotteshaus. Zwar
hat die offizielle Kirche schließlich doch keine andere Wahl,
als die Figur zu weihen und in die Liturgie zu integrieren; letztlich
bleibt es aber dabei, daß die Dorfgemeinschaft ihren eigenen,
"wilden" Kult um das Standbild betreibt, vor allem
natürlich im Rahmen der Feierlichkeiten in der Karwoche.
Die Figur bleibt das Symbol eines Cristo rebelde.
Im Mittelpunkt
des II. Kapitels (Madera y carne) steht die Person
eines russischen Arztes Alexis Dubrovsky -, der trotz
anfänglicher Schwierigkeiten ebenfalls bald gut in die
dörfliche Gemeinschaft nun Sapukais - integriert ist, besonders weil er sich selbstlos und oft
unentgeltlich der Behandlung der Dorfbewohner widmet und
schließlich außerhalb der Siedlung eine Leprastation
errichtet. Nach einiger Zeit geht indessen ein Wandel mit ihm vor und
entlarvt ihn als "Schein-Heiligen": er beginnt von seinen
Patienten hölzerne Heiligenfiguren als Bezahlung zu
verlangen, die er dann in rasender Gier aufbricht, weil er entdeckt,
daß in vielen von ihnen Münzen verborgen sind.
Im
III. Kapitel (Estaciones) berichtet Miguel Vera von der Reise,
die er als Junge in die Hauptstadt unternahm, um dort in die
Kadettenschule einzutreten. Die Ereignisse und Stationen der
Zugfahrt machen dem Leser deutlich, wie die Schicksale Gaspar Moras,
des Cristo leproso sowie Sapukais und des russischen
Arztes mit dem des Erzählers aus Itapé verknüpft
sind.
Das IV.
Kapitel, das den Titel Éxodo trägt, erzählt
von Casiano und Nati Jara, die es infolge politischer Unruhen in eine
Mate-Plantage inmitten des Urwalds verschlagen hat, wo sie nun unter
Bedingungen arbeiten müssen, die sich als Sklaverei bezeichnen
lassen. Wie es scheint, besteht für sie keine Hoffnung, jemals
wieder in Freiheit zu gelangen. Dennoch drängt Casiano zum
scheinbar Unmöglichen: der Aufbruch zum Exodus erfolgt, als
Cristóbal gerade geboren wird, der später als der
eigentliche Held des Romans hervortritt.
V. Kapitel
(Hogar): Auch als die drei auf "wunderbare"
Weise in Sapukai angekommen sind, ist die Heimat dieser Familie
der "permanente Aufbruch", die ständige Rebellion.
Sinnbild dieser Dynamik ist ein Eisenbahnwaggon, den es bei einer
Explosion aus den Gleisen geworfen hat und den die Jaras nun in
jahrelanger Millimeterarbeit in die Wildnis hineinschieben. Er dient
als Schauplatz für die Planung eines weiteren Aufstandes,
bei dem man Miguel Vera um seinen Beistand als militärischer
Ausbilder und Berater bittet.
VI. Kapitel
(Fiesta): Miguel Vera hat offenbar im betrunkenen Zustand die
Rebellen verraten. Cristóbal Jara ist einer erbarmungslosen
Verfolgung ausgesetzt. Er findet Zuflucht bei den "Toten":
auf dem Friedhof und unter den Leprakranken. In Wirklichkeit ist er
aber lebendig genug, um auf einem Fest vor den Augen seiner Verfolger
gemeinsam mit den lazarientos einen makabren Reigen
aufzuführen.
VII. Kapitel
(Destinados): Miguel Vera ist in einer Strafkolonie
interniert worden. Als der Chaco-Krieg ausbricht, wird er an die
Front abkommandiert. Die größte Bedrohung geht hier vom
"weißen Tod", dem Durst, aus. Als einziger
Überlebender seines Bataillons vermag er noch die Stellung zu
halten. Zum Opfer seiner Halluzinationen geworden, feuert er auf den
Tankwagen, dessen Fahrer es gelungen ist, die Linien zu durchbrechen,
um im letzten Augenblick den Transport des Lebenselixiers an sein
Ziel zu bringen.
VIII. Kapitel
(Misión): Cristóbal Jara hat sich bereit
erklärt, an einem Selbstmordkommando teilzunehmen: als Führer
eines Wassertransports durchquert er das höllische
Gemetzel. Salu'í, die eine Umkehr von der Hure zur
Krankenschwester vollzogen hat, folgt ihm nach. Nach einem letzten
Mahl und kurz bevor sie selbst an einer Verletzung stirbt, die sie
sich bei einer heroischen Aktion zugezogen hat, bindet sie den
schon schwer verstümmelten Cristóbal - hier ein
"Hydrophorus" - an Lenkrad und Schaltknüppel fest. Es
gelingt ihm, den Tankwagen, der für ihn zum Kreuz geworden
ist, an sein Ziel zu bringen: Kiritó ist derjenige, der Miguel
Vera vom Tod errettet und dabei selbst stirbt - ohne daß sein
Leben dadurch endgültig ausgelöscht scheint:
Al chocar contra un árbol
se detuvo. Un gran chorro de agua saltó por la boca del
tanque sobre las llamaradas que llenaban de sombras el cañadón
de nuevo silencioso. La bocina empezó a sonar, trompeteando
largamente, inacabablemente...
El camionero estaba caído
de bruces sobre el volante, en la actitud de un breve descanso.
(323)
Das IX. Kapitel (Ex
combatientes) ist eine Art Epilog, der am Beispiel des
Veteranen Crisanto aufzeigt, daß sich auch nach dem von
Paraguay gewonnenen Chaco-Krieg an dem Zyklus des Leidens, dem
das Volk unterworfen ist, objektiv nichts geändert hat. Miguel
Vera kommt auf rätselhafte Weise, möglicherweise durch
Selbstmord, ums Leben.
Was bleibt, sind seine
Aufzeichnungen, die ja den Kern dieses Buches ausmachen, sein Protest
gegen die ewige Wiederkehr des Leidens und die Hoffnung der
Herausgeberin:
"Creo que el
principal valor de estas historias radica en el testimonio que
encierran. Acaso su publicidad ayude, aunque sea en mínima
parte, a comprender más que a un hombre, a este pueblo tan
calumniado de América, que durante siglos ha oscilado sin
descanso entre la rebeldía y la opresión, entre el
oprobio de sus escarnecedores y la profecía de sus
mártires..." (364)
Eine Problematik eigener
Art stellt in diesem Roman die Vielzahl der teilweise
parallelen, teilweise ineinander verschachtelten
Erzählperspektiven dar. Das gilt in besonderem
Maße für das erste Kapitel, und es ist hier von besonderer
Relevanz für die reliability der
eingangs etablierten Christus-Symbolik.
Das Geschehen um den
"Vater" der Christusfigur - Gaspar Mora - hat als
volkstümliches Erzählgut bereits den Charakter einer
Legende angenommen. man situiert es in einem schon fast
mythischen "aquel tiempo" (10, 11). Macario Francia,
"un maravilloso contador de cuentos", "la memoria
viviente del pueblo" (14), tritt als Zwischenerzähler auf,
der sich die Überlieferung auf schöpferische Weise
angeeignet hat. Seine Worte informieren den Leser über die
"Geburt" des Christus-Symbols (20 ff.). Nicht nur die
Tatsache, daß Macario die Ereignisse mit dem Erscheinen
des Halleyschen Kometen verknüpft, macht aus ihm einen
Evangelisten. Sein Erzählen hat den Charakter einer
Verkündigung: es ist eher von seinem Glauben als von der
"Realität" bestimmt. Priesterliche Funktionen nimmt er
wahr, indem er eine Prozession anführt, durch welche die
"liturgische" Verehrung des Christus begründet wird
(34); schließlich wird er auch zu dessen Apostel und Märtyrer,
indem er die Figur mitsamt der Bedeutung, die sie für einen
Großteil der Itapeños gewonnen hat, unter Lebensgefahr
gegen die Anfeindungen des cura und dessen Sympathisanten
verteidigt (36 ff.). in ihren Augen ist er ein Ketzer.
Macario gehört einer
anderen Welt an als Miguel Vera, von dessen Stimme dieses erste
Kapitel aber letztlich getragen wird. Ihn muß man sich als
"Übersetzer" der Geschichte von Gaspar Mora
vorstellen. Macario hat sich fast nur in Guaraní ausgedrückt,
jener fremden Sprache, mit der eine ganz andere Sehweise der
Wirklichkeit, eine andere Form des "Wissens" verbunden ist,
in der Miguel Vera nur bedingt zuhause ist:
A él [Macario] no
le interesaba el cometa sino en relación con la historia del
sobrino leproso. La contaba cambiándola un poco cada vez.
Superponía los hechos, trocaba nombres, fechas, lugares, como
quizá lo esté haciendo yo ahora sin darme cuenta, pues
mi incertidumbre es mayor que la de aquel viejo chocho, que por
lo menos era puro. (21)
Die besondere Problematik
des Erzählers Miguel Vera ist ebenso komplex wie aufschlußreich
und soll gesondert behandelt werden. Für alle ungeraden Kapitel
gilt außerdem, daß sie dem Leser in der "Edition"
der Ärztin Rosa Monzón zugänglich gemacht werden,
die sich nicht nur von Veras pathetischem Stil distanziert (363),
sondern auch ihrerseits Streichungen an dem Text vorgenommen hat
(364). Die Geschehnisse des ersten Kapitels weisen also folgende
"Überlieferungsgeschichte" auf:
Ú ¿
Ú ¿
Ú ¿
Ú ¿
GASPAR
³ ³ ³Erzõhlung³
³Vermittlung³ ³ Edition ³
-->
³"Legenden"³->³ ³->³
³->³ ³ -->
LESER
MORA ³ ³ ³Macarios ³
³ M. Veras ³ ³R. Monz¾ns³
À Ù
À Ù
À Ù
À Ù
Was der Leser erfährt
und verstehen kann, ist das Ergebnis einer vierfachen Brechung: ein
merklich abgeschwächter Reflex aus einer anderen Welt.
Während in diesem
Erzählstrang Miguel Vera als "Störfaktor"
dazwischentritt, steht hinter den geraden Kapiteln ein offenbar
verläßlicher auktorialer Erzähler, der aus einem
unmittelbaren Wissen um das Geschehen zu sprechen scheint. D. W.
FOSTER erkennt in dieser Instanz einen "truly
mythic narrative point of view", ja er geht sogar noch
weiter und glaubt hier die Stimme von "Christ himself" zu
vernehmen, oder "another God that the reader could accept".
Zweifellos erlangt die christliche Symbolik - also die Exodus- und
Christus-Paramythologien - eben in den geraden Kapiteln ihre größte
Konsistenz. Die Opposition der Sehweisen ("mythischer"
Erzähler vs. Miguel Vera) tritt besonders in den Kapiteln VII
(Destinados) und VIII (Misión) hervor,
die ja paralleles bzw. das gleiche Geschehen von zweierlei Warte aus
wiedergeben: in der Tagebuch-Chronik des an die Front abkommandierten
Offiziers Miguel Vera und in der symbolträchtigen Erzählung
über Kiritó und seine Gefährten, die bisweilen Züge
eines Heldenepos annimmt.
9.32 Der Erzähler
Miguel Vera und die Problematik des symbolischen Erzählens
Die Gegenüberstellung
der beiden Erzählweisen weist bereits darauf hin, daß
Miguel Vera gleichsam zur Reflexion verurteilt ist und durch sein
Denken und Schreiben am Handeln gehindert wird, während Kiritó
aus einer kaum bewußten Sendung (misión)
heraus zur fraglosen, lebenspendenden Aktion bereit ist. Auch Rosa
Monzón wirft Miguel Vera in ihrem abschließenden
Kommentar Unentschlossenheit und Passivität vor:
Pese a haber nacido en el
campo, no tenía la sólida cabeza de los campesinos, ni
su sangre, ni su sensibilidad, ni su capacidad de resistencia
al dolor físico y moral. No sabía orientarse en nada,
[...].
Le horrorizaba el
sufrimiento, pero no sabía hacer nada para desprenderse de
él. Se escapaba entonces hacia la desesperación, hacia
los símbolos. Su estilo muestra la impronta de su destino.
(363)
Die Passage verweist auf
die hier besonders interessierenden literarischen Konsequenzen dieser
Befindlichkeit. Miguel Vera ist mit einem zweifachen Makel
behaftet. Er ist unfähig zum Handeln, aber den Gedanken und
Notizen, die er "ersatzhalber" hervorbringt, kann der Leser
auch nur bedingt vertrauen:
Yo era muy chico entonces.
Mi testimonio no sirve más que a medias. Ahora mismo,
mientras escribo estos recuerdos, siento que a la inocencia, a los
asombros de mi infancia, se mezclan mis traiciones y olvidos de
hombre, las repetidas muertes de mi vida. (13)
All diese Bemerkungen sind
für die Bewertungen des Christlich-symbolischen in dem Roman von
höchster Bedeutung, denn sie unterstreichen die große
Distanz, die den Erzähler von der Welt solcher Figuren wie
Gaspar Mora, Macario, Casiano und Kiritó trennt. Sie alle
vollbringen Außergewöhnliches aus einem Glauben
heraus, den Miguel Vera zusammen mit seiner Kindheit hinter sich
gelassen hat. Er erinnert sich, daß er einst sogar durch den
Glauben an Christus - den Cristo Gaspar Moras - vor dem Ertrinken geretten wurde:
Me salvé porque
sabía nadar y zambullir más que ellos. Pero sobre
todo, porque creía firmemente en algo. [...]
En el abombamiento de la
asfixia sentí que la mano de madera de Gaspar me sacaba a la
superficie. Era un raigón negro, al que me quedé largo
rato abrazado. (25)
Als Erwachsener fällt
Miguel Vera aus dieser Welt heraus. Die Fähigkeit zu jener Art
des gesellschaftlichen Handelns, die auch Leid und Opfer mit sich
bringt, ist ihm in dem Moment abhanden gekommen, als ihm auch der
Glaube verloren ging.
Miguel Vera hat somit einen
Standpunkt außerhalb der
maßgeblichen Geschehnisse und der ihnen entsprechenden
Weltsicht inne. Es ist ihm zwar möglich, über sie zu
berichten und zu reflektieren - nicht aber sie ganz zu verstehen. Er
steht allein; "estos hombres" - die anderen - sind für
ihn ein Rätsel:
Pertenezco a una clase de
gente para la cual no cuenta el futuro y cuya soledad no es más
que su incapacidad de amar y de comprender, con la cara vuelta
al pasado, a sus imágenes hechizadas de nostalgia. El éxtasis
del ombligo privilegiado... decía el Zurdo en el penal. Pero
para estos hombres sólo cuenta el futuro, que debe tener
una antigüedad tan fascinadora como la del pasado. No piensan
en la muerte. Se sienten vivir en los hechos. Se sienten unidos en
la pasión del instante que los proyecta fuera de sí
mismos, ligándolos a una causa verdadera o engañosa,
pero a algo... No hay otra vida para ellos. No existe la muerte.
Pensar en ella es lo que corroe y mata. Ellos viven, simplemente.
(353)
Vor allem
bleibt natürlich das unverständlich, was man als ihre
Religiosität, ihren Glauben, ihr "Christentum"
bezeichnen könnte. Veras Versuche, den Glauben jener Menschen in
den Griff zu bekommen, sind nicht als verbindliche Informationen an
den Leser zu verstehen, sondern es handelt sich um unbeholfene
Formulierungsversuche eines "abendländischen"
Intellektuellen:
Quizá no era más
que el origen del Cristo del cerrito, lo que había despertado
en sus almas esa extraña creencia en un redentor harapiento
como ellos, y que como ellos era continuamente burlado, escarnecido
y muerto, desde que el mundo era mundo. Una creencia que en sí
misma significaba una inversión de la fe, un permamente
conato de insurrección. (13)
La fuerza de su
indestructible fraternidad es su Dios. (354)
Solche Klassifikationen
dürfen auf keinen Fall zur Grundlage von Aussagen der Art
gemacht werden, daß eine neue "Menschheitsreligion"
und das Ideal der Brüderlichkeit die Botschaft des Romans
ausmachten bzw. daß Roa Bastos hier die Absicht verfolge, das
Christentum auf den Kopf zu stellen. Zumindest hat er die
"theologische Inkompetenz" der Figur, die als Sprachrohr
dieser Gedanken fungiert, im Roman mitgestaltet und sich somit von
Etiketten aller Art ebenso distanziert wie vom Skeptizismus dieses
Erzählers.
In der Tat gibt es
ausreichende Indizien dafür, daß Roa Bastos in Miguel Vera
seine eigene Fremdheit, seinen Status als Außenseiter gegenüber
dieser "wunderbaren" Wirklichkeit zum Ausdruck bringen
wollte, in der ein nicht näher bestimmbarer Glaube offenbar
Berge zu versetzen vermag. Der Autor spart nämlich nicht an
Kritik - auch nicht an Selbstkritik - gegenüber Romanciers, die
in naiver Weise glauben, sie könnten ohne weiteres aus ihrem
bürgerlich-intellektuellen Bewußtsein aussteigen und sich
in andere soziale, psychologische oder kulturelle Sphären
versetzen. Auch Roa Bastos wurde sich erst relativ spät
seiner Grenzen bewußt:
A partir de cierto momento
[...] he adquirido, si no una mayor capacidad de visión,
por lo menos una mayor humildad para sentir que no soy un chamán,
un sacerdote que puede realizar una liturgia sobre la acción
de las cosas sino tan solo un mediador que contribuye con su
escritura a la develación de algunos de los aspectos de esa
realidad.
Drei Jahre
später geht er noch schärfer mit sich selbst ins Gericht.
Die ganze Problematik nicht nur Miguel Veras, sondern auch der
symbolischen Schreibweise in Hijo de hombre
überhaupt also auch die des "mythischen"
Erzählers - erwächst aus einer letztlich
unüberwindbaren ideologischen Differenz:
O sea que, entre las
ideologías verdaderas de los oprimidos y condenados
de la tierra y del novelista que los narra literariamente, la
identificación es imposible por fervoroso y sincero que sea
el afán redentorista de éste último. Entre
los fugitivos del yerbal, como personas reales, y el novelista
de Hijo de hombre, también como
persona real, es inevitable que las ideologías sean
diferentes. También su lenguaje, sus formas de
representación. Los unos verán, sentirán
lo natural en lo sobrenatural; el otro fantasmagorizará,
"mitificará" lo sobrenatural en lo natural con
los recursos de la metáfora, de la alegoría,
de los símbolos, dando lugar a las estereotipias
del "realismo mágico" o de lo "real
maravilloso". No es un reproche a la
literatura; es un reconocimiento autocrítico. El
carácter y la función mediadora de la literatura
le imparten esta cualidad y le imponen sus limitaciones. Es su
poder y su debilidad en tanto hecho estético que trata
de instaurar su propia realidad imaginaria.
Somit ist
es gänzlich verfehlt, die Erzählung Miguel Veras gegenüber
derjenigen des namenlosen "mythischen" Erzählers
abzuwerten, wie es in zahlreichen Untersuchungen zu Hijo
de hombre geschieht. Es mag sein, daß Miguel Veras
distanzierte, "ungläubige" Sicht und sein pathetischer
Stil nicht die "wahre" Wirklichkeit treffen - er ist sich
seiner Beschränkungen aber doch halbwegs bewußt. Es mag
auch sein, daß er ein Verräter ist, aber er ist nicht der
Judas, den manche Kritiker aus ihm machen. seine Schuld ist
ein Verhängnis, ein pecado original, dessen er
sich überdies bewußt ist und das er von Anfang an
"bereut". Wenn es nun überhaupt darum geht, einer der
Erzählinstanzen des Romans ein "falsches Bewußtsein"
vorzuwerfen, dann müssen sich die Bedenken auf den "mythischen
Erzähler" richten, der sich freilich hinter seiner
Anonymität verbirgt: er ist für die Projektion der
bedeutungsschwersten Symbolik verantwortlich, und seine Stimme wird
durch keinen Vorbehalt gebrochen.
Zweifellos soll der Leser
den Eindruck gewinnen, daß sich in den geraden Kapiteln die
kollektive "Stimme des Volkes" zu Wort meldet.
Näher stehen ihm aber Macario und schließlich sogar der
zugegebenermaßen begriffsstutzige Miguel Vera, der doch
immerhin über die Gabe verfügt, in ansprechender Weise auf
castellano zu erzählen. Denn wie man an dem überaus
wortkargen Cristóbal feststellen muß, ist die reine
Tat sprachlos. Sie bedarf immer eines Vermittlers,
eines Individuums, eines "Evangelisten" als Sprachrohr:
El individuo se contrapone
a la visión del personaje masa que es la de este pueblo que,
sin tener, a veces, mucha conciencia de sus acciones, realiza
hazañas increíbles. El único capacitado para
sondear esos valores éticos es el personaje débil.
Natürlich
ist er mit jener Ursünde des Schriftstellers in Lateinamerika
behaftet, die auch in Los pasos
perdidos mitgestaltet wurde. Wenn es denn schon eine biblische
Metapher sein muß, so ist Miguel Vera kein Judas, sondern
ein Adam, der die Dinge benennen muß, aber dafür nur eine
grundsätzlich andere Sprache zur Verfügung hat,
in der jedes Wort schon ein Verrat ist. Das von Carpentier her
bekannte Motiv erhält hier eine besondere Nuance: als Ursünde
erscheint vor allem die Umsetzung der cultura oral in
literatura culta.
Es bleibt freilich auch für
Roa dabei, daß das symbolische Erzählen zwar eine
problematische Form der escritura ist,
aber dennoch wohl am ehesten geeignet, um wenigstens zu einer
Annäherung an jene Welt und "estos hombres" zu
gelangen, die - aus vielleicht religiösen Antrieben - "einfach
handeln".
9.33 Die Biblizität
der dargestellten Wirklichkeit:
eine entzauberte Welt der Genesis
Eine weitere Parallele mit
Los pasos perdidos liegt in der
"Biblizität" der dargestellten Wirklichkeit; d. h.
auch bei Roa Bastos ist die biblisch-christliche Färbung
der symbolischen Ebene dadurch motiviert und gerechtfertigt, daß
an den realen Schauplätzen des Romans noch "biblische
Zustände" zu herrschen scheinen. Der Erzähler
empfindet sein Vordringen in die Wildnis, das im VII. Kapitel wie bei
Carpentier in Tagebuchform reflektiert wird, wie eine Reise in die
Vergangenheit. Dasselbe gilt auch für den mysteriösen
Vorstoß des Jaraschen Eisenbahnwagons in den Urwald (V.
Kapitel), vor allem aber für Miguel Veras Fahrt an die
Chaco-Front. Hier glaubt man fast wörtliche Anklänge an Los
pasos perdidos zu vernehmen: "En pocos días
hemos retrocedido millares de años. Sólo un
milagro podría salvarnos. Pero en este rincón del Edén
maldito, ningún milagro es posible." (254) Offensichtlich
handelt es sich hier um eine Wertung des contexto, die
Carpentiers Konzept der "wunderbaren Wirklichkeit"
entgegengesetzt ist. Zwar wird daran festgehalten, sie dem Leser
unter Rückgriff auf biblische Metaphern zu vermitteln; daß
hier noch biblische Zustände herrschen, erscheint jedoch
unter negativem Vorzeichen, nämlich als barbarie:
"un contorno inculto, encallado en el atraso del primer día
del Génesis" (239). Allerdings ist damit keine Neuauflage
der SARMIENTOschen Opposition beabsichtigt, die durch kulturellen und
ökonomischen desarrollo aufzuholen wäre. Hier
war das Paradies, nur ist es durch die Schuld der
Menschen zur Hölle degradiert worden:
Creo que en el libro de
León Pinelo se afirma y se prueba que el Paraíso
Terrenal estuvo situado aquí, en el centro del Nuevo Mundo,
en el corazón del continente indio, como un lugar "corpóreo,
real y verdadero", y que aquí fue creado el Primer
Hombre. Cualesquiera de estos árboles pudieron ser el Arbol
de la Vida y el Arbol del Bien y del Mal, y no sería difícil
que en la laguna de Isla Po'í se hubieran bañado Adán
y Eva, con los ojos deslumbrados aún por las maravillas
del primer jardín. Si el cosmógrafo y teólogo
de Chuquisaca tuvo razón, estas serían las cenizas del
Edén, incinerado por el Castigo, sobre las cuales los hijos
de Caín peregrinan ahora trajeados de kaki y verdeolivo. De
aquellos lodos salieron estos polvos. (251)
Dieses
Land hat seine paradiesische Unschuld durch den Brudermord verloren.
Die Biblizität liegt nunmehr darin, daß Abel noch immer
von Kain getötet wird, daß der Mensch noch immer seinen
Mitmenschen kreuzigt. Man kann dies als eine paratheologische Deutung
der conditio Paracuariae lesen:
"Gute Schöpfung" - "Sündenfall" - ("Erlösung durch den 'Menschensohn'").
Ein weiterer "biblischer"
Zug der dargestellten Wirklichkeit ist die Allgegenwart der
Lepra. Von Carpentier her bekannt ist die "Lepra des Leviticus" - bei Roa Bastos scheint es sich mehr um die Lepra des Neuen
Testaments zu handeln, denn in ihrer brüderlichen
Opferbereitschaft gegenüber den Aussätzigen beweisen
nicht wenige Figuren ihre Christus-Ähnlichkeit. Auch dieser
Hinweis auf die Existenz der Lepra in Lateinamerika und besonders
Paraguay ist bei Roa Bastos in erster Linie ein Aufschrei des
Protests. Er richtet sich nicht zuletzt gegen den cura,
der als offizieller Vertreter der Kirche Christi die von Gaspar Mora
geschnitzte Figur eben deshalb zurückweist, weil sie das Werk
eines lazariento, eines Unreinen ist (36). Für ihn sind
die Leprösen vom Heil aus der Kirche als "lugar
de salud" - ausgeschlossen, während es für den
russischen Arzt und vor allem für die barmherzigen
Frauengestalten des Romans wie etwa María Regalada (52)
offenkundig ist, daß gerade sie der salud
des Heils und der Heilung - bedürfen.
Aber nicht nur
in "materieller" Hinsicht entspricht diese Welt derjenigen
der Bibel; das gleiche gilt für den geistig-religiösen
Überbau. Die bis heute nachwirkende Kosmo- und Theologie der
Guaraníes ist seit jeher überaus empfänglich für
eine christliche Umdeutung, so daß die biblisch-christliche
Symbolik in einem paraguayischen Roman leicht als etwas Indigenes
erscheinen kann. Den jesuitischen Missionaren fiel es nicht schwer,
die Thomaslegende auf die Gestalt des mythischen Kulturbringers der
Guaraníes Paí Zumé - aufzupfropfen. Man empfindet es als eine böse Ironie, wenn der
heilige Thomas zum Schutzpatron des mörderischen Mate-Anbaus
geworden ist und im Roman der ausländische Besitzer der Plantage
dann auch noch Mister Thomas heißt (111 f.). Der mythische Held
degeneriert über den patrono zum patrón.
Ein weiterer Zug, der seine Wurzeln sowohl in der alten Religion der
Guaraníes als auch in der Bibel hat, ist die den ganzen Roman
durchziehende tierra- und barro-Symbolik. Sie
unterstreicht die Erdverbundenheit dieser Menschen und entbehrt nicht
eines fatalen Untertons.
Dem Leser
kommt es daher wie selbstverständlich vor, wenn sowohl Miguel
Vera als auch die alternative Erzählinstanz ständig auf
biblisch-christliche Redewendungen, Vergleiche und Metaphern
zurückgreifen und somit dem Stil eine "biblische Dimension"
verleihen. Gerade bei Miguel Vera muß diese Tendenz als Versuch
gedeutet werden, die fremde Wirklichkeit in einer universalen
Bildsprache, an der auch der Leser - außerhalb Paraguays und
außerhalb Lateinamerikas - teilhat, zu fassen. So wird es
möglich, eine Figur wie Macario Francia bündig und prägnant
einzuführen: "El mismo era un Lázaro resucitado
del gran exterminio." (19) Diese metaphorische Redeweise, die
dem gleichen Bemühen um Kategorisierung entspringt, von dem auch
Carpentiers Erzähler getrieben war, fungiert oft als
Aufforderung zu einer symbolischen Deutung der Figuren und des
Geschehens.
Vergleichbares
findet sich auch in der Rede des auktorialen Erzählers, aus der
ja im wesentlichen die paramythologische Dimension hervorgeht. Die
beiden folgenden Beispiele verraten allerdings sein Bemühen, den
biblischen Ton der Rede als "Ansteckung" durch die
Weltsicht der Figuren plausibel zu machen. Die Passions-Symbolik
erscheint als Übernahme aus der cultura popular,
wenngleich sie dann auktorial bestätigt wird:
El cantar bilingüe y
anónimo hablaba de esos hombres que trabajaban bajo el
látigo todos los días del año y descansaban no
más que el Viernes Santo, como descolgados también
ellos un solo día de su cruz, pero sin resurrección de
gloria como el Otro, porque esos cristos descalzos y oscuros
morían de verdad irredentos, olvidados. (102)
Tuerto y corpulento,
picado de viruelas, Chaparro era la odiosa sombra del habilitado,
tal vez más odiada que él mismo. Lo apodaban a
sus espaldas Juan Kurusú, o Kurusú, simplemente,
porque era eso: la sombra de la cruz en que penaban los peones.
(107)
9.34 Die symbolische
Dimension
9.341 Die Etablierung
der christlichen Symbolik im Eingangskapitel:
el Cristo de madera
Die den gesamten Roman
durchziehende und stützende christliche Symbolik wird durch das
Hijo de hombre betitelte I. Kapitel
begründet. Hier konzentrieren sich alle im weiteren Verlauf
entfalteten Bedeutungen des Romans. Der Cristo de madera,
die Materialisierung des Menschensohns, dessen Entstehung und weitere
Geschichte hier erzählt wird, ist das christliche Symbol
des Romans. Hier wird allerdings mit einem Dingsymbol gearbeitet, das
erst noch der erzählerischen Entfaltung, der Umwandlung in einen
Paramythos bedarf, um in unserem Sinne als narrative Symbolik
gedeutet werden zu können. Bemerkenswert ist, daß es sich
bei Hijo de hombre um einen Roman handelt,
dessen Geschehen eben nicht nur, etwa auf der Basis der Heiligen
Schrift, paramythologisch strukturiert wird. Vielmehr geht der
Handlung selbst ein alternatives, paraguayisches "Evangelium"
voraus, das zudem noch seine eigene Entstehungsgeschichte enthält.
Der Charakter dieses
Christus als eines echten Symbols erweist sich daran, daß er in
seinem Reichtum an Bedeutungen und an Beziehungen zum erzählten
Geschehen schier unausschöpflich zu sein scheint, wobei dieses
Potential eben auf der Geschichte dieses besonderen Christus
beruht und keineswegs auf der einer traditionell kirchlichen
Christologie.
Entscheidend
ist zunächst die Herkunft der Figur. Sie ist das Werk Gaspar
Moras, durch sein leidvolles brüderlich-asketisches Leben selbst
eine christusähnliche Figur. Er hat das Opfer der Einsamkeit auf
sich genommen, um niemanden mit seiner Krankheit zu gefährden.
In die Schnitzerei legt er seine ganze Seele, sein Leben: "Si un
alma podía adquirir forma corpórea, esa era el alma de
Gaspar Mora." (33) Als er die Auffindung der Figur durch Macario
schildert, betont der Erzähler die Diesseitigkeit dieses
Christus. Schien er zunächst ein "habitante de otro mundo"
zu sein - was für den Christus der Kirche wohl gelten mag -,
erweist er sich sogleich als "un hombre", "un
compañero en forma de hombre", als "manso camarada",
als Gaspar Moras "hijo" - als "Menschensohn". Die
Werte der Solidarität und Brüderlichkeit, die
verschiedentlich als die eigentlichen Ideale des Romans
hervorgehoben werden, sind von Anfang an mit diesem Christus
verknüpft. Zugleich steckt in ihm aber auch das ganze Leiden
Gaspar Moras, des paraguayischen Volkes, der Menschheit. Nicht
umsonst ist er das Werk eines Aussätzigen und wird sogar "el
Cristo leproso" genannt und von der Kirche als solcher
behandelt.
Macario läßt
schließlich die Figur von Gaspar Moras Wohnstätte zur
Kirche transportieren: "El polvo los aguardaba en la marcha
lenta y borrosa que sacaba a un Cristo de la selva, como descolgado
de una inmensa cruz." (34) "La procesión de ese
extraño descendimiento" (ebd.) ist der Prototyp eines
Ritus, den die Itapeños von nun an jeden Karfreitag
zelebrieren werden. Die erste Kreuzesabnahme ist eine symbolische Tat
der Befreiung des vom Menschen gekreuzigten Menschen. Es ist
zugleich ein lebenspendender Akt, wie ein gleichzeitiges
"himmlisches" Zeichen unterstreicht. Kurz vor der Ankunft
im Dorf beginnt es nämlich zu regnen. Die Bedeutung des Wassers
als Lebenssymbol wird später noch mehrfach aktualisiert,
besonders in der Erlösungstat Kiritós. Daß es sich
um einen dem Leben zugewandten Christus handelt schon das
läßt ihn in den Augen der Kirche häretisch
erscheinen , erhellt auch aus seiner Offenheit gegenüber
dem Weiblichen: er "liebt" María Rosa, die ihm
während des Wegs aus ihrer Wasserflasche zu trinken gereicht
hat. Sie ist eine von mehreren Maria-(Magdalena-)Figuren des Romans.
Von Macario und den anderen Männern wird sie ignoriert: "Sólo
el Cristo extendía hacia ella los brazos" (35). Später
wird sie ihre Haare opfern, um damit das kahle Haupt der Figur zu
schmücken (43).
Ein weiterer
Bedeutungszuwachs der symbolischen Christusfigur ergibt sich aus den
Ereignissen im Dorf, die sich im wesentlichen als Zusammenstoß
mit der kirchlichen Autorität darstellen: der cura
verwehrt der Figur den Zutritt zur Kirche. Sie muß im
Vorraum bleiben, weil das Heiligtum durch dieses Werk eines
Aussätzigen, den man zudem der Häresie verdächtigt,
entweiht würde. Für ihn ist die Figur ein Machwerk des
Teufels (36 f.). Im Namen eines Großteils der Dorfbewohner
verteidigt Macario die Christusfigur und ihren Schöpfer in einer
Art Predigt, welche die Bedeutung des Symbols weiter entfaltet:
-¡Fue un hombre
justo y bueno! -insistió Macario-. Hizo su trabajo. Ayudó
a la gente. Todo lo que hizo tenía fundamento. En todas
partes hay huellas de sus manos, de su alma limpia, de su corazón
limpio... Donde suene un arpa, una guitarra, un violín, lo
seguiremos oyendo. Esto fue lo último que hizo... -dijo
señalando al Cristo-. Lo trajimos del monte, como si lo
hubiéramos traído a él mismo. No está
emponzoñado por el mal. La lluvia lo lavó y purificó
cuando lo traíamos. ¡Y mírenlo! Habla por su
boca de madera... Dice cosas que tenemos que oír... ¡Oiganlo!
Yo lo escucho aquí... -dijo golpeándose el pecho-. ¡Es
un hombre que habla! A Dios no se le entiende..., ¡pero a un
hombre sí!... (36 f.)
Es kommt zum offenen
Konflikt mit dem cura und einigen Dorfbewohnern,
die sich ihm anschließen: die Verehrung der Christusfigur wird
in Zukunft stets ein Akt der Rebellion gegen die offizielle Religion
sein, die sich ihrerseits nur als verlängerter Arm der
weltlichen Autorität manifestiert. Von kirchlicher Seite bemüht
man sich nun, den volkstümlichen Kult zu "zähmen" - in genauer Entsprechung jenes Vorgehens, durch das man zur
Zeit der conquista religiosa indigene Kulte dem Christentum
einzuverleiben hoffte. Die kurz zuvor als Götzenbild
verschrieene Figur wird schließlich in einer wortreichen und
prunkvollen Zeremonie geweiht. Dennoch gelingt es der offiziellen
Kirche nicht, den Christus in Beschlag zu nehmen. Zu seiner "Wohnung"
bestimmen die Dörfler einen Berg, der ihnen besonders geeignet
erscheint: "Se les antojó que era muy parecido al cerro
del Calvario. Allí debía estar, pues, el Cristo
leproso. Al aire libre y cerca del cielo." (43)
Daß der Christus in enger Beziehung zur freien, lebendigen
Natur bleibt und in der steinernen Kirche keine Heimstatt findet, ist
ein weiteres wichtiges Bedeutungselement. Auf besagtem
Berg wird der Christus nun an einem groben Holzkreuz befestigt, von
wo aus er die Landschaft ebenso überragt, wie er die
Bedeutungsstruktur des Romans prägt.
Die Geschehnisse um den
Christus bleiben in der Erinnerung der Itapeños lebendig. Dazu
tragen einmal die Erzählungen Macarios bei, der im ersten
Kapitel gewissermaßen als Evangelist eines apokryphen
Evangeliums fungiert. Er ist der Apostel und Märtyrer
des Cristo leproso, und er fügt seinem tätigen
Zeugnis noch eine rudimentäre Theologie hinzu, die auch für
das Denken vieler anderer Romanfiguren repräsentativ ist. In
ihrem Mittelpunkt steht der Glaube an eine immanente
"Unsterblichkeit" des Gerechten:
-Porque el hombre, mis
hijos -decía repitiendo casi las mismas palabras de
Gaspar-, tiene dos nacimientos. Uno al nacer, otro al morir...
Muere pero queda vivo en los otros, si ha sido cabal con el prójimo.
Y si sabe olvidarse en vida de sí mismo, la tierra come su
cuerpo pero no su recuerdo... (45)
Doch nicht nur in der
Erinnerung sind diese Geschehnisse und Worte aufgehoben, sondern
vor allem in dem seltsamen Ritus, den die Itapeños von da an
jeden Karfreitag zelebrieren. Mit dieser Herausbildung einer eigenen
Liturgie sind die wichtigsten Voraussetzungen gegeben, um von der
Entstehung einer alternativen, von "unten" kommenden
Religion zu sprechen. Das Wichtigste an ihr ist der rebellische
Charakter (der Leser lernt zuerst die Figur, dann den Ritus kennen;
mit den ihn begründenden Ereignissen wird er am Schluß des
Kapitels vertraut gemacht):
Era un rito áspero,
rebelde, primitivo, fermentado en un reniego de insurgencia
colectiva, como si el espíritu de la gente se encrespara al
olor de la sangre del sacrificio y estallase en ese clamor que no se
sabía si era de angustia o de esperanza o de resentimiento, a
la hora nona del Viernes de la Pasión.
Esto nos ha valido a los
itapeños el mote de fanáticos y de herejes. (12)
Für die Itapeños
erübrigt es sich, das Leiden Christi auch noch feierlich zu
ritualisieren - ist das Gekreuzigtsein doch ihre eigene
Grundbefindlichkeit, die nur einmal im Jahr für ein paar
Stunden aufgehoben wird:
Los itapeños tenían
su propia liturgia, una tradición nacida de ciertos hechos no
muy antiguos pero que habían formado ya su leyenda.
El Cristo estaba siempre
en la cumbre del cerrito, clavado en la cruz negra, bajo el redondel
de espartillo terrado semejante al toldo de los indios, que lo
resguardaba de la intemperie. No necesitaban, pues, representar
las estaciones de la crucifixión. Luego del sermón de
las Siete Palabras, venía el Descendimiento. Las manos se
tendían crispadas y trémulas hacia el Crucificado. Lo
desclavaban casi a tirones, con una especie de rencorosa
impaciencia. (12)
Die ganze Hoffnung, aber
auch die Wut und die aufgestaute Gewalt der Dorfbewohner
konzentriert sich in dieser Kreuzesabnahme. Aber
auch das bisherige Scheitern aller Versuche der Rebellion, die
"Heillosigkeit" jedes Aufstands, wird in den Ritus mit
hineingenommen, wodurch er etwas vom ewigen, scheinbar ziellosen Auf-
und Absteigen des Sisyphos erhält:
[...] el Cristo no entraba
en ella [la iglesia] jamás. Llegaba hasta el atrio solamente.
Permanecía un momento, mientras los cánticos
arreciaban y se convertían en gritos hostiles y
desafiantes. Un rato después las parihuelas giraban sobre el
tumulto y el Cristo regresaba al cerro en hombros de la
procesión brillando con palidez cadavérica al humeante
resplandor de las antorchas y de los faroles encendidos con velas de
sebo. (12)
Hat der
homme révolté hier in einer modifizierten
christlichen Symbolik eine Heimstatt gefunden? Jedenfalls erschöpft
sich der in dem Cristo leproso begründete Glaube der
Itapeños nicht in einem scheinbar absurden Ritus. Er hält
eine Hoffnung wach, die von der Realität Tag für Tag
geleugnet wird, nämlich die Hoffnung auf einen "redentor
harapiento como ellos" (13). Er ist auf die Zukunft
ausgerichtet und vermag sogar vor dem Tod zu retten, wie sich an dem
Erlebnis des jungen Miguel Vera gezeigt hat (25).
Soweit also das im I.
Kapitel aufgebaute Bedeutungspotential des Christus-Symbols, das
sich ja zunächst als (hölzerner) Gegenstand manifestiert.
Aber schon das Geschehen um Gaspar Mora und die Christusfigur weist
eine paramythologische Struktur auf. Sie ist hier von besonderem
Interesse, weil sich über das ganze Kapitel der Schleier der
volkstümlichen Legende wirft. Was hier auf die Geschichte
Christi zurückweist, ist weniger als auktorialer Reflex der
Evangelien denn als Produkt der populären Imagination bzw. der
Phantasie des "Evangelisten" Macario zu deuten.
Gaspar Mora
ist eine Mischung aus Magus und dem Zimmermann Joseph: sein Name
verweist auf den Mohren Kaspar. Macario verknüpft mit ihm die
Erscheinung des Halleyschen Kometen - desselben, der den Weisen im
Morgenland die Geburt Christi ankündigte. Gaspar hat eine
innige Beziehung zum Holz als Symbol der materia schlechthin
und ist zumindest in weiterem Sinne ein Zimmermann wie die
Christusfiguren Droguetts und Leñeros. Was ihn weiterhin zu
einem Joseph macht, ist seine legendäre Keuschheit. Dennoch
besteht eine schwer zu definierende Beziehung zu der chipera
und ehemaligen Prostituierten María Rosa, die sich dem
hölzernen Christus gegenüber ja auch mütterlich
verhält. Ebenso wie Gaspar Mora auch christusähnliche Züge
hat, ist sie nicht nur die "Pflegemutter" des Christus,
sondern auch eine Postfiguration der Maria Magdalena. Die Entstehung
der Christusfigur erscheint nun mehrfach als "Geburt"
des "Sohnes" von Gaspar Mora (21, 33, 44). Ihr
Schauplatz ist eine ärmliche Hütte. Obwohl es sich um eine
hölzerne Figur handelt, kommt es sogar zu etwas wie einem
"öffentlichen Wirken Jesu"; er scheint zu "predigen":
"Habla por su boca de madera... Dice cosas que tenemos que
oír..." (37) Schließlich weist der Verrat, den der
Küster auf Geheiß der religiösen Autorität an
der Figur begehen will (39 ff.), recht deutliche Analogien mit
der Tat des Judas auf - allerdings hat dieser Judas viel weniger
Erfolg als der biblische. Auch Passion und Auferstehung finden nicht
zuletzt in der rebellischen Liturgie der Itapeños ihre
erzählerische Realisation.
Das I. Kapitel
konstituiert sich somit als Modell der Geschehnisse, Schicksale und
Rebellionen, die in den folgenden Kapiteln erzählt werden. Immer
wieder klingt das Motiv der Kreuzigung an, aber auch der Revolte
dagegen, daß es so sein müsse. Verschiedene
Figuren erscheinen als Postfiguration nicht des Christus der
Kirche, sondern des Cristo leproso von Itapé. Der
Roman, der eine Sammlung von nur locker gefügten cuentos
zu sein scheint, erhält durch das leitmotivische Christus-Symbol
seine erzählerische Einheit.
9.342 Die
paramythologische Gestaltung der Figuren und des Geschehens
9.3421 Christus-Symbolik
Die Figur des Cristóbal
Jara ist am deutlichsten als Erfüllung der im I. Kapitel
entworfenen figura gestaltet. Zweifellos ist er
die wichtigste Christusfigur des Romans, wenn auch beileibe
nicht die einzige. Er ist auch nicht nur die Erfüllung der
Verheißungen, für welche die hölzerne Christusfigur
stand: die Tugenden und Ideale der Brüderlichkeit,
Opferbereitschaft und Rebellion. Vielmehr wiederholt sich in
seiner Geschichte auch das ganze Schicksal des Cristo
leproso, das soeben als paramythologische Folie des Kapitels
nachgezeichnet wurde. Vieles erinnert natürlich unmittelbar an
den Jesus der Evangelien. Das auffälligste Signal ist wohl sein
Name. Kiritó nace en el monte, nämlich in
der Hölle der Mate-Plantage. Er ist das Kind einer "heiligen
Familie": seine Mutter heißt Natividad, und die prägenden
Ereignisse in der Geschichte der jungen Familie sind die Flucht in
den yerbal ("Ägypten") bzw. aus demselben
in den Heimatort Sapukai ("Nazareth"). Auch Cristóbal
Jara ist ein brüderlicher Freund, ein manso camarada
der Aussätzigen. Wie der hölzerne Christus leidet er
Verfolgung um der Gerechtigkeit willen. Der gesuchte Rebell
versteckt sich unter den Toten (auf dem Friedhof, im Totentanz der
Leprösen). Aber dieser erste symbolische Tod schenkt ihm gerade
das Leben (207 ff.). Auch er steht in einer "keuschen"
Beziehung zu einer einstigen Prostituierten, die durch ihn zur
geführt
wird (294) und ihm als Salu'í und Maria (Magdalena) in der
Passion beisteht. Kurz vor seinem Tod nimmt er noch einmal
priesterliche Funktionen wahr und zelebriert mit dem Lebenssymbol
Wasser eine Ultima Cena (311). Sein Kreuz ist der
Tanklastwagen, mit dem er das Lebenselixier zu den an der Chaco-Front
Eingeschlossenen befördert. Von Salu'í läßt
er sich mit Draht an Lenkrad und Schaltknüppel festbinden. Er
stirbt in dem Augenblick, als er das Ziel erreicht; aber sein
Tod scheint nur ein breve descanso zu sein. Wie
Christus hat er den Tod durchquert, um das Leben zu bringen:
El camión de
Cristóbal Jara no atravesó la muerte para salvar la
vida de un traidor. Envuelto en llamas sigue rodando en la noche,
sobre el desierto, en las picadas, llevando el agua para la sed de
los sobrevivientes. (355)
Miguel Vera scheint sich
Cristóbal gegenüber wie ein Judas zu verhalten.
Aber so wie das Unterfangen des sacristán von
Itapé ist auch sein zudem nicht vorsätzlicher Verrat
wirkungslos. Sein Verhalten ist nicht böswillig, sondern
entspringt menschlicher Schwäche. Eher ist er eine Petrusfigur;
denn dreimal versäumt er die Gelegenheit zur Solidarität
mit Kiritó und seiner Sache, aber durch seine Rolle als
Erzähler wird er dennoch zum "Apostel" von dessen
Anliegen.
Sieht nur der Leser oder
gar der analysierende Kritiker all diese Parallelen, oder
"wirkt" in Cristóbal Jara der Glaube an den Cristo
leproso y rebelde? Ist er ein Anhänger jener in Itapé
"offenbarten" Religion? Tatsächlich ist Kiritós
Heldentat auch auf der subjektiven Ebene eine Art imitatio
Christi, wenngleich es sich natürlich nicht um eine im
abendländischen Sinne "individuelle" Tat handelt.
Er ist ein kollektiver Held und handelt aus einem kollektiven
Bewußtsein, das sich teilweise gar nicht selbst zu artikulieren
vermag, sondern eben der Stimme jenes "mythischen"
Erzählers bedarf.
Als erstes
"Dogma" des von der hölzernen Christusfigur
symbolisierten Glaubens läßt sich festhalten, daß
der Mensch seine Erlösung nicht von Gott erwarten darf, daß
er sich vielmehr selbst für sein eigenes descendimiento
und das seines Nächsten einsetzen muß. Wie aus einem
wortkargen Gespräch mit Salu'í erhellt, wirkt diese
Überzeugung auch in Kiritó:
-¿Crees en el
milagro, Cristóbal?
-¿Milagro?
-Que ocurra algo
imposible. Eso que sólo Dios puede hacer...
-Lo que no puede hacer el
hombre, nadie más puede hacer - dijo él, ásperamente.
-Sí... Tal vez eso
es la fuerza que hace los milagros. (314)
Ein zweiter Glaubenssatz,
der von Macario formuliert wurde, betrifft die "Unsterblichkeit
des Gerechten". Cristóbal Jara bezeugt
diesen Glauben. Der Tod ist für ihn kein absolutes Ende, sondern
nur ein kurzes Ausruhen:
-Mañana nos espera
lo más duro.
-Tal vez la muerte -dijo
ella con acento apacible, casi feliz, no preguntando, sino casi
segura.
-Tal vez.
-Dormiré entonces.
El sueño será largo... -no había tristeza en su
voz, ningún énfasis, ninguna amargura. Sus palabras
eran festivas. No hay tristezas en el guaraní; las palabras
salen recién inventadas, sin tiempo de envejecer. Para
decir el sueño será largo...,
dijo: Jho'ata che'ari keraná pukú...,
sugiriendo un sueño a pata suelta, lleno de infinita molicie,
de imágenes alegres, con una mosca haciéndole
cosquillas en la nariz. (314)
Aber nicht nur Gaspar Mora
und Cristóbal Jara sind Christusfiguren. Der russische
Arzt Alexis Dubrovsky vernimmt wohl die Botschaft der hölzernen
Christusfigur von Itapé, die er auf der Zugfahrt nach Sapukai
erblickt, und offenbar bekreuzigt er sich sogar im Vorüberfahren
(81). Aber wie der Pole Miscowsky aus El karuguá
ist er ein falscher Prophet, der die erkannte Mission nicht bis
zu Ende durchzuführen vermag. Auch die Möglichkeit des
Scheiterns zumal eines gringo - wird damit in
diesem Roman gestaltet. Der Arzt erweist sich zunächst als
Wohltäter der Aussätzigen; er führt ein keusches
Leben und wird doch von einer Maria Magdalena (María Regalada)
umsorgt. Die Imagination der Dorfbewohner macht ihn schließlich
zur legendären Figur und umgibt ihn mit der Aura des Heiligen.
Dann aber wird er Opfer einer typischen "Gringo-Sünde",
nämlich einer schon paranoischen Geldgier. In überaus
augenfälliger Weise äußert sie sich darin, daß
er - abgesehen von der Vergewaltigung María Regaladas - die
als Honorar empfangenen hölzernen Heiligenfiguren köpft
(53, 72), weil er in ihnen Geld vermutet: ein auch gegen den
Cristo de madera gerichteter blasphemischer Akt.
Ebenso wie sich der Arzt bei seiner Ankunft in Sapukai schnell mit
der Weltsicht, dem Glauben und der Brüderlichkeit seiner
Umgebung zu identifizieren schien, fällt all dies mit einem
Schlag wieder von ihm ab, und er wird zum Opfer seines Egoismus und
Materialismus.
Eine ganze Reihe weiterer Christusfiguren treten nur
streiflichtartig in das Blickfeld des Lesers: so etwa Dubrovskys Sohn Alejo (wie
überhaupt fast alle Kinder - hijos - des Romans) oder "el
soldado Niño Nacimiento, a quien apodan Pesebre"
(230). Auch der Veteran Crisanto, Hauptfigur des letzten Kapitels,
ist nicht nur durch seinen Namen ein Cristo. Tatsächlich
gekreuzigt wird am Schluß des Romans der schon aus El
kurupí bekannte jefe político
Melitón Isasi. Auch Kiritós Vater Casiano erscheint
nach der gelungenen Flucht aus dem yerbal als ein Cristo
"resucitado y redivivo" (167). Freilich werden in
all diesen Fällen die Parallelen nicht paramythologisch
weitergeführt.
Nicht nur
einen, sondern zahllose Christusse gibt es in der Mate-Plantage.
Auch sie wiederholen das Schicksal des Cristo leproso und
warten auf ihre endgültige Befreiung. Man könnte
fortfahren: nicht nur in allen Mate-Plantagen, sondern in ganz
Paraguay, und nicht nur hier, sondern in ganz Lateinamerika.
Denn darauf läuft diese wahre Inflation der Christus-Symbolik
doch hinaus: der Christus, der Hijo de hombre, dem
dieser Roman gewidmet ist, will ein Sinnbild der leidvollen
lateinamerikanischen conditio humana sein.
9.3422 Exodus und
Befreiung
Besondere Aufmerksamkeit
verdient das Éxodo betitelte IV. Kapitel
des Romans, weil hier genau jene narrative Symbolik verarbeitet wird,
die ca. zehn Jahre später als biblische Grundlage der teología
de la liberación neu entdeckt wird. Wenngleich
Roa Bastos davon zweifellos noch nichts wissen konnte, ist der
Rückgriff auf das Geschehen des Exodus eine konsequente
Ergänzung seiner Interpretation der Figur Jesu Christi.
Während er an dem neutestamentlichen Stoff eine
Neuakzentuierung vornehmen muß (Kreuzesabnahme statt
Auferweckung ist das wichtigste Symbol der Befreiung), kann das
Geschehen des Exodus in unveränderter Form als Vorlage
dienen, denn hier ist ja tatsächlich die historische Befreiung
des Volks Israel aus der ägyptischen Sklaverei, aus
Unterdrückung und Zwangsarbeit, verarbeitet worden, die dann zum
Fundament des Glaubens an den einen Gott Jahweh wurde. Die
Befreiungstheologie erinnert sich dieses Grundgeschehens, weil
der Gott der Bibel sich hier als derjenige offenbart, der ins
Diesseits - in die Geschichte seines Volkes - eingreift. Die
Befreiungstheologie ist ja insgesamt durch eine Besinnung auf
die alttestamentliche Vorstellungswelt gekennzeichnet, weil diese
noch frei ist von der Vertröstung auf ein metaphysisches Heil.
In ihr glaubt man eine hellenistische "Verfälschung"
des biblischen Glaubens und des Christentums erkennen zu
können.
Auch außerhalb aller
theologischen Reflexion wird der revolutionäre Gehalt des
"Exodus-Prinzips" gewürdigt. Als "Streben nach
neu zu erreichenden Dimensionen der künftigen Tage" scheint
es "das Wichtigste an menschlicher Authentizität und aus
der ganzen abendländischen Geschichte" zu sein.
Das IV.Kapitel
erzählt, wie Casiano Jara und seine Frau in die "Sklaverei"
der Mate-Plantage geraten, wie der Plan zur Flucht wächst
gleichzeitig mit dem noch im Leib seiner Mutter
geborgenen Kiritó - und wie schließlich allen
widrigen Vorzeichen zum Trotz die Flucht in Angriff genommen wird und
dann - wie durch ein Wunder - auch gelingt. Casiano und Nati
unternehmen mit ihrer Flucht etwas scheinbar Absurdes: sie suchen
dort einen Ausweg, wo sich nach vernünftigem Ermessen niemals
einer auftun wird. Noch nie ist jemand lebend aus dem yerbal
entkommen. Die Flucht erscheint schlechthin als lo imposible.
Ebenso mußte es Moses unmöglich scheinen, sein Volk aus
Ägypten zu befreien (Ex 3, 11). Weil Gott ihm seinen
Beistand zusagt, unternimmt er es dennoch. Casiano und Nati schöpfen
un poquito de esperanza aus der Geburt Cristóbals,
ihres hijo de hombre. Ähnlich wie Kiritó
später im Chaco-Krieg handeln auch sie aus einer "necesidad
de andar un poco más de lo posible, de resistir hasta el
fin, de cruzar una raya, un límite, de durar todavía,
más allá de toda esperanza y resignación"
(114).
Zwar gilt wohl
auch für das von Casiano und Nati vollbrachte Wunder der
Ausspruch Kiritós: "Lo que no puede hacer el hombre nadie
más puede hacer" (34). Dennoch ist diese Flucht ein
Ausgreifen in die Transzendenz, dem eben deshalb aus der Transzendenz
wieder Hilfe zuteil wird - etwa nach dem Prinzip: hilf dir
selbst, so hilft dir Gott.
Das eben
zitierte Erzählerwort (114) kündigt an, welche Rolle das
más allá bei Casianos Flucht spielt. Dazu
kommt, daß Cristóbals Vater sich später selbst
Casiano Amoité nennt, "que designaba en
lengua india lo que era distante, no la lejanía
solamente, sino lo que estaba más allá del límite
de la visión y de la voluntad en el espacio y en el tiempo."
(168)
Dem Glauben der Israeliten
in der Wüste kommt Gott entgegen. Casiano und Nati werden,
nachdem sie selbst alles Menschenmögliche für ihre
Befreiung getan haben, von einer Figur errettet, die nicht wenig
gottähnliche Züge aufweist. Es ist ein geheimnisvoller
Alter, der ganz unerwartet auftaucht und die "Heilige Familie"
auf seinen Karren lädt: "Su voz era ininteligible, más
vieja que él. No parecía voz humana, sino un gorgoteo
de viento o de agua en una grieta de la serranía." (145)
So wie es sich einerseits um eine Entsprechung des sich in der Wüste
offenbarenden Gottes der Israeliten handelt, so ist dieser "mythische
Großvater" doch andererseits eine Epiphanie, die aus der
Weltsicht der Guaraníes verstanden werden muß. Die wohl
zuverlässigste Deutung der Erscheinung gibt Roa Bastos
selbst:
Esta presencia mítica
del Karaí-Guasu, del Mburuvixa
(Gran-Señor, Jefe) atraviesa de una manera difuminada todo el
libro en sus momentos culminantes. Así, en el capítulo
IV, Exodo, de la misma novela, en la aparición
casi fantasmagórica o de trasmundo del hombre "muy viejo
y muy arrugado" que llega con la carreta para rescatar a la
pareja que huye de la esclavitud del yerbal, donde los trabajadores
son prisioneros de por vida condenados a trabajos forzados. Para los
fugitivos del "infierno verde" la aparición no
resulta fantástica sino que pertenece al orden natural
de las cosas: el viejo Padre Ultimo-Primero está allí.
Ha venido a salvar a sus hijos campesinos del infierno de la
explotación y de la dependencia. No le preguntan siquiera su
nombre; le llaman simplemente Xe Ru, Ñande
Ru (mi Padre, nuestro Padre).
Er ist es, der die
Flüchtigen ins "Gelobte Land", nach Sapukai,
zurückführt. Wie im biblischen Exodus
wird die Flucht mit der Landnahme verbunden. Hier realisiert sie
sich als Inbesitznahme des wundersamen Eisenbahnwaggons. Der
Autor scheint betonen zu wollen, daß "das Volk Gottes"
nie zur Ruhe kommt, daß es den Exodus ad infinitum
fortführt, daß das Ziel nie erreicht ist. Die Dynamik des
Strebens nach dem más allá findet ihren
Ausdruck in jener "arca rodante" (157), die sich auf
mysteriöse Weise, Zentimeter um Zentimeter, einen Weg durch
die Wildnis bahnt. Es handelt sich um ein Symbol der Dynamik,
das den rebellischen Charakter des aussätzigen Christus
aufgreift, der sich immer wieder vom Kreuz losreißt.
Fortgeführt wird diese Linie durch Kiritós Tank-LKW, der,
den Naturgesetzen zum Trotz, "den Tod durchquert".
Zusammenfassend läßt
sich sagen, daß die gesamte Symbolik des Romans, gleich ob sie
nun auf "Dingen" oder narrativen Strukturen beruht, auf
"Transzendenz" zielt. Allerdings ist das Ziel nicht
der Durchbruch in ein der Geschichte entrücktes Jenseits
oder eine Welt "nach" dem Tod, sondern ein Hereinholen
des scheinbar Unmöglichen, des noch nicht Realisierten ins
Diesseits der menschlichen Geschichte.
9.3423 Die
Problematik des Titels und der Motti
Die Deutung des Romantitels
Hijo de hombre und der
vorausgestellten Motti aus Ezechiel und einem Totenhymnus der
Guaraníes erfolgt in diesem Kapitel im Anschluß an eine
erste Interpretation des Werks, weil sich erst auf dieser Basis die
vielfältigen symbolischen Bezüge dieser "Wegweiser der
Lektüre" herausstellen. Nicht zuletzt weil Roa das Motto,
das eher eine Collage als ein Bibel-"Zitat" ist, in einer
Weise mit dem Geschehen assoziiert, die nicht der Intention des
Ezechiel-Textes entspricht, liegen fast keine stimmigen
Interpretationen des Epigraphs vor.
Roa Bastos liebt es, die
Titel seiner Erzählungen Texten zu entnehmen, die aus der Bibel
oder der traditionellen Dichtung der Guaraníes stammen und dem
Text als Motto vorausgeschickt werden. So geschieht es in lucha
hasta el alba, el trueno entre las hojas und
el baldío. Gerade bei den letzten beiden
Erzählungen wird das Bild, das Titel und Motto beim Leser
entstehen lassen, in der Erzählung überhaupt nicht mehr
explizit aufgegriffen. Es dient lediglich dem Entwurf einer
symbolischen Dimension des Geschehens, welche die dargestellte
Wirklichkeit in ihrer Sinnfülle bereichert. Das gleiche
geschieht in Hijo de hombre. der Titel etabliert den
Menschensohn als ein Leitmotiv, und immer wieder gerät
die Erzählung in die Nähe dieses Bildes - sei es durch
Christussymbolik, durch Söhne von Männern und
Menschen, durch die Betonung der Menschen anstatt Gottes - ohne daß
es sich endgültig "realisierte", indem sein Rätsel
sich in Eindeutigkeit auflösen würde. Die Formel vom hijo
de hombre offenbart so ihren eminent symbolischen
Charakter.
Aus der Sicht
der Theologie und der Bibelkunde ist Menschensohn (
)
zunächst ein christologischer Titel, den Jesus in der 3. Person
verwendet, wenn er vom Messias spricht, wobei aber letztlich
offenbleibt, ob er damit sich selbst oder einen Kommenden meint.
Die erste Erwähnung des Menschensohns bei Matthäus (8, 20
ff.) steht in großer gedanklicher Nähe zu den
Vorstellungen, die Roas Roman durchziehen:
Jesus antwortete ihm: "Die
Füchse haben ihren Bau, und die Vögel ihr Nest; aber der
Menschensohn hat keinen Platz, wo er sich hinlegen und ausruhen
kann."
Ein anderer, einer von den
Jüngern, sagte zu Jesus: "Herr, erlaube mir, erst
noch meinen Vater zu begraben." Aber Jesus erwiderte: "Geh
mit mir! Überlaß es den Toten, ihre Toten zu begraben!"
Nicht nur, daß es
sich um eine Bejahung des Lebens und des Diesseits handelt; auch
die condición errante des
Menschensohns, die auch im Ezechiel-Zitat betont wird, ist
angesprochen.
Die Kenntnis des
Romangeschehens führt aber zu der Vermutung, daß hinter
der Entscheidung für den Menschensohn
weniger die Kenntnis theologischer Grundaussagen steht als die
Rebellion gegen ein traditionell von der Kirche gefördertes
Denken, das alles auf Gott und auf das Jenseits bezieht. Für
Roa ist Christus nur insofern Symbol der condition humaine als
er nicht der Sohn Gottes - ein theologisch ja ebenfalls
"wahrer" Titel -, sondern der Menschensohn schlechthin
ist. Die Opposition zu hijo de Dios und die
Akzentsetzung Roas werden dort deutlich, wo der Priester den Hügel
von Itapé, auf dem der hölzerne Christus seine Heimstatt
finden soll, Tupá-Rapé (Camino de Dios)
nennen will, Macario aber an der Bezeichnung Kuimbaé-Rapé
(Camino del hombre) festhält (44 f.). Die
Entstehung der Christusfigur aus den Händen Gaspar Moras läßt
ja auch keinen Zweifel daran, daß dieser Menschensohn
nicht aus Gottes Gnade geboren wird, sondern aus dem Leiden des
Menschen "auf dem Nullpunkt der Existenz" hervorgeht. Der
hijo de hombre ist in erster Linie die
Christusfigur, die im I. Kapitel entsteht, und in zweiter Linie
repräsentiert er all jene Figuren und Geschehnisse, auf die
deren Bedeutung im weiteren Verlauf symbolisch übertragen
wird.
Aber auch wenn
von einem göttlichen Wunder nichts erwartet wird, ist hijo de
hombre eine hoffnungsvolle Formel, denn sie verweist darauf,
daß auch die scheiternden Männer Söhne haben, die
stets für eine neue Chance stehen. Hijo de hombre
heißt somit auch: Erlösung ist möglich, aber sie muß
vom Menschen "gezeugt" werden.
Vorrangig
steht der Romantitel jedoch für eine radikal vermenschlichte
Version des neutestamentlichen Gottes- und Menschensohns. Es handelt
sich dabei um eine "gelehrte" biblisch-christliche
Symbolik; eine Sinnschöpfung des Autors, für die ihm die
Volksreligiosität keine Vorgabe lieferte. Indessen wird zum
Beispiel dort, wo es zu einem Dialog zwischen Christentum und
Marxismus gekommen ist, auf die Formel vom Menschensohn ebenso
gerne zurückgegriffen wie auf das "Exodus-Prinzip".
Ein weiterer
Bezug zur Bibel als Symbol-Code wird durch das Motto aus Ezechiel
etabliert. Hier ist ebenfalls vom "Menschensohn" (hijo
del [!] hombre) die Rede. Aus bibelkundlicher Sicht
besteht allerdings keine Verbindung zwischen den beiden
Redeweisen. Im alttestamentlichen Text handelt es sich einfach
um die Anrede an den Menschen und Propheten Ezechiel, die in modernen
Bibelübersetzungen sogar als "du Mensch" wiedergegeben
wird. Als messianischer Titel taucht die Formel erstmals in der
Menschensohnvision des Danielbuchs (7, 13 ff.) auf. Davon
abgesehen ist Ezechiel freilich insofern ein hijo de hombre,
als er ein leidender Prophet ist, der in der babylonischen
Gefangenschaft die nur noch müde glimmende Hoffnung am
Leben erhält.
Von den
verschiedensten Kritikern sind teilweise abenteuerliche und stets
unbefriedigende Versuche unternommen worden, um Roas Ezechiel-Collage
entweder auf die Intention des biblischen Textes
zurückzubeziehen oder sie zumindest in einen stimmigen
Bezug zur Romanhandlung zu bringen, wobei allzuschnell eine
Identifikation des hijo de hombre mit dem hijo
del hombre vorgenommen wurde. Im allgemeinen wird
casa rebelde in solcher Weise auf den Angesprochenen
übertragen, als empöre dieser sich gemeinsam mit seinem
"Haus" gegen eine ihn bedrückende Ungerechtigkeit und
müsse dafür Entbehrung und Leiden auf sich nehmen. Die
meisten Kritiker sehen hierin das Schicksal der Christusfigur
angedeutet. Señal y fábula wäre
dieser hijo del hombre insofern, als er zum
positiven Vorbild erhoben wird.
Auch wenn in
Betracht gezogen werden muß, daß Roa Bastos eine
Umdeutung vollzogen hat, erscheint es sinnvoll, das
Ezechiel-Motto zunächst einmal aus dem biblischen Kontext heraus
zu verstehen. Hier ist der in 12, 2 mit hijo del
hombre Angeredete der Prophet Ezechiel. Er ist keineswegs
selbst ein Rebell, sondern steht vielmehr im Konflikt mit dem
murrenden Volk der Israeliten in Babylon. In Anbetracht der Option
für die "Rebellion", die eine Konstante in Roas Werk
ist, kann man davon ausgehen, daß der Autor auch hier eine
positive Umwertung der casa rebelde vornimmt. Sinnvoll
bleibt aber die Betonung der Fremdheit des Propheten, der "inmitten
des rebellischen Volks" wohnt, ihm aber nicht angehört. Der
Vers 18 ist ebenfalls an Ezechiel gerichtet. Seine Verwendung bot
sich an, weil er nicht nur Leiden und Opfer des Menschen als
notwendige Voraussetzung der Erlösung unterstreicht, sondern
auch das Wasser als Lebens-Zeichen einführt. Der Vers 14, 8
stammt aus einem ganz anderen Zusammenhang und ist Teil einer
"Abrechnung mit den Götzendienern":
Wenn jemand aus dem Volk
Israel oder von den Fremden, die bei euch leben, mir den Rücken
kehrt, sein Herz den Götzen öffnet und Gefallen hat an
dem, was ihn in Schuld verstrickt, [...] bekommt er von mir
persönlich eine Antwort, von mir, dem Herrn! Ich wende mich
gegen ihn, ich handle so an ihm, daß es eine Warnung für
alle ist und man noch lange davon reden wird. Ich
verstoße ihn aus meinem Volk und
vernichte ihn. Ihr sollt erfahren, daß
ich der Herr bin! (Ez 14, 7 f.; Hv. n. o.)
Der Zusammenhang macht
deutlich, daß erstens nicht der in Ez 13 als hijo
del hombre Angesprochene gemeint ist, sondern ein
Fremder, Abtrünniger, und daß es zweitens keinesfalls
darum geht, denselben zum Helden einer Legende zu machen. Wieder kann
zugestanden werden, daß Roa, da er nun schon einmal die beiden
Passagen so eng miteinander verbindet, eine Identifikation der
verschiedenen Adressaten anstrebt. Insofern sie beide "Fremde"
sind, haben sie auch im biblischen Text eine Gemeinsamkeit. Es darf
aber nicht übersehen werden, daß der Sprecher den Fremden
ausmerzen will und in ihm nicht mehr als ein abschreckendes
Beispiel sieht.
Welche Figur aus Roas Roman
kann damit gemeint sein? Durch die Parallele hijo
del hombre - hijo de hombre ist natürlich
ein Anklang an den wichtigsten Menschensohn der Erzählung,
Cristóbal Jara, gegeben. Er scheint aber als Angesprochener
schon deshalb auszuscheiden, weil er als "kollektives Subjekt"
gar nicht die Individualität mitbringt, die die Anrede "tú
habitas" plausibel erscheinen läßt. Wer hingegen ein
Bewußtsein seiner konfliktiven Situation als Einzelner in einem
Haus voller Rebellen besitzt, ist Miguel Vera! Er wird mit
diesem Motto angesprochen, und seine von Kritikern so oft
als Judas verratene - Person gewinnt hierdurch besonderes
Relief. Miguel Vera ist der Erzähler; er hat eine moralische
Ambition; er verspürt die Stimme seines Gewissens - auf ihn paßt
am ehesten die Rolle des Propheten. Als hijo del hombre
ist er die Komplementärfigur des hijo de hombre.
Seine vielleicht ohnmächtige Waffe ist das Wort - Cristóbal
Jara besitzt die Kraft zur Tat. Von diesem Konflikt auch als
persönlicher Problematik des Autors Roa Bastos war ja bereits
die Rede. Auch die metaphorische Rede vom Schriftsteller und
Erzähler als einem Propheten ist etwas Vertrautes.
Seine
Fremdheit läßt Miguel Vera aus dem rebellischen medio
herausfallen. Aus der oben entfalteten Problematik des Erzählers
Carpentiers "Adam-Problem" - ergibt sich
dann freilich wieder, daß die "Sünde" des
Ausgestoßenen auch ihre positive Seite hat. Wäre er
kein Fremder, könnte er dem ebenso außenstehenden Leser
nicht in dessen Sprache erzählen.
So wie die
ersten beiden Verse auch eine Anspielung auf Cristóbal Jara
und andere Christus-Figuren enthalten, so verweist Ez 1,8 noch auf
eine andere Figur, die in dem Roman als der "falsche
Prophet" par excellence gestaltet ist: der
russische Arzt Dubrovsky, der tatsächlich vom Gläubigen zum
Diener des Goldes in den hölzernen Götzen degeneriert. Aus
der Parallele mit dem Götzendienst des Gringo erhellt aber auch,
worin der einzige Verrat besteht, den man Miguel Vera
tatsächlich vorwerfen könnte: aus seiner zeitweiligen
halbherzigen Sympathie für die Rebellen wird die Unterordnung
unter die "Mächte dieser Welt". Im letzten Kapitel ist
er Handlanger des etablierten politischen Systems, nämlich
alcalde von Itapé.
Ist es der
Forschung bislang nicht gelungen, zu einer klaren und stimmigen
Aussage über das Bibelmotto zu gelangen, so ist doch zu Recht
immer wieder die Dualität der Epigraphen betont worden. Sie
bereitet den kulturellen Dualismus des ganzen Romans vor. Die
gedanklich-symbolische Struktur des Romans hat ihre Wurzel zum einen
in der biblisch-christlichen Tradition. Ebenso wichtig ist für
Roa aber das Substrat der indigenen Kultur der Guaraníes.
In der Parallelität der Motti findet Roas "mestizische
Schreibweise" ihren prägnantesten Ausdruck.
An dem Auszug
aus dem Totenhymnus der Guaraníes fällt indessen eines
auf: die drei zitierten Verse scheinen einen durchaus "christlichen"
Glauben zum Ausdruck zu bringen. "...He de hacer que la voz
vuelva a fluir por los huesos..." spricht von der Auferweckung
der Toten; "Y haré que vuelva a encarnarse el habla"
mutet an wie eine Reminiszenz an den Anfang des
Johannes-Evangeliums, und "Después que se pierda
este tiempo y un nuevo tiempo amanezca..." verheißt das
Reich Gottes, das für die Gerechten nach dem apokalyptischen
Untergang anbricht. La voz und el habla sind Begriffe,
die den Hymnus mit Ezechiel verbinden. In beiden Fällen geht es
um das Wort des Propheten, wobei das ja selbst prophetische zweite
Motto von größerem Optimismus getragen zu sein
scheint. Die Versuchung, all dies christlich zu interpretieren,
ist groß, und Clara PASSAFARI scheint ihr unterlegen zu sein:
"Su contenido profundo nos habla de esperanza, de confianza en
otro tiempo de amor y de resurrección."
Nun
weisen die Glaubensvorstellungen der Guaraníes tatsächlich
eine fast ideale Disposition als "Propfunterlage" für
das Christentum auf. Darüber hinaus ist aber zu vermuten,
daß der Autor selbst einige Korrekturen an diesem Hymnus
vorgenommen hat, um ihn harmonischer seinem Gesamtprojekt
einzugliedern - wie er es ja auch mit dem biblischen Text getan
hat. RODRIGUEZ ALCALA vertritt sogar die Auffassung, daß es
sich bei diesen Versen um Roas eigene Kreation handele.
Jedenfalls fällt auf, daß ihr mythischer Charakter sehr
schwach ausgeprägt ist. Vielmehr handelt es sich um prophetische
Rede, welche die "Fleischwerdung" des Geistes in der
Geschichte fordert.
9.35 Alter und neuer
Glaube - Analyse und Projekt
9.351 Christentum und
Religiosität in der dargestellten Wirklichkeit
Die Diskussion der Motti
und der paramythologischen Dimension hat gezeigt, daß Roa
Bastos zwar den Anschein erweckt, auf die "Wurzeln"
zurückzugreifen, um die symbolische Ebene seines Werkes zu
verankern, daß er sein Rohmaterial den eigenen
Vorstellungen und Intentionen aber in freier und schöpferischer
Weise anverwandelt. Der Ort, wo noch am ehesten eine
Bestandsaufnahme und Analyse der paraguayischen Religiosität
stattfindet, ist nicht die Symbolik des Werks, sondern die Ebene der
dargestellten Wirklichkeit. Hier finden institutionalisiertes
Christentum (katholische Kirche), christlich geprägter
Volksglaube und das indigene religiöse Substrat einen
unmittelbaren Ausdruck.
Das offizielle Christentum
und "die Kirche" als seine Repräsentantin erscheinen
in dem Roman eindeutig unter negativen Vorzeichen64.
Allerdings ist zu bedenken, daß hier nicht "das
Christentum" oder die Kirche schlechthin in Erscheinung tritt,
sondern die Kirche in Lateinamerika bzw. in Paraguay. Sie ist das
Resultat einer besonderen historischen Entwicklung, die in dem Roman
mitverarbeitet worden ist. Es ist die Rede von der Disposition der
Guaraníes für die christliche Botschaft (Paí-Zumé-Mythos)
und von der (positiv bewerteten) Missionsarbeit der Jesuiten
(103). In diesen Zusammenhang gehört auch die Figur des Padre
Fidel MAIZ, jenes "espíritu lleno de sombras", der
sowohl als kirchen- und literargeschichtliche Reminiszenz
wie als Figur der Erzählung eine Rolle spielt65.
Die etablierte
Kirche ist in einer Weise mit der Macht verflochten, daß es
scheint als sei ihr Gott mit der obersten politischen Gewalt
identisch66. Nicht nur der Padre Maíz sieht zeitweise den
Diktator López als Christus des paraguayischen Volkes an und
stellt seine Redekunst in den Dienst des Regimes. Auch der cura
von Sapukai biedert sich den Militärs an: "Celebraré
el Santo Oficio por sus intenciones" (214). Das
politisch-religiöse Klima ist das gleiche wie in der schon
besprochenen Kurzgeschichte El kurupí. Dem
höchsten religiösen Symbol droht auch in Hijo de
hombre die Usurpation durch die politische
Unterdrückungsmacht, als die Zwillinge Goiburú Gaspar
Moras Christus vom Kreuz entfernen und stattdessen den Leichnam des
jefe político aufhängen:
[...] arrancando al Cristo
de la cruz, ataron a ella en su lugar, con varias vueltas de lazo,
al jefe político ya emasculado y muerto, como si en un
cuarto de siglo de estar colgado allí, al aire libre, al amor
de los vientos, de los pájaros, del sol y de las lluvias, y
no en la penumbra rancia a incienso aromático de la iglesia,
también el Cristo de Gaspar Mora hubiera amanecido de
repente una mañana vestido de jefe político,
campera, botas, pistolera y esa cara fofa de ojos inyectados en
sangre, sobre la cual las sombras de los yrybúes ya empezaban
a revolar.
El cura vino a rebato.
Durante varios días consecutivos mandó lavar el sitio
profanado por el crimen, exorcizándolo y rociándolo
con agua bendita. El Cristo fue repuesto en la cruz en medio de
lloriqueantes ceremonias de desagravio, que hicieron a destiempo una
réplica grotesca de la Semana Santa. (340)
Die Szene läßt
noch einen anderen Aspekt dieser Kirche hervortreten: den
Ritualismus eines Klerus, der vorgibt, Blasphemie und
Aberglauben auszumerzen und selbst nur heuchlerische Bigotterie
fördert. Wenn man die vom cura zelebrierten
Riten mit der propia liturgia der Itapeños vergleicht,
wird klar, daß diese Kirche nichts mit dem Volk zu tun hat; sie
"versorgt" es von oben und von außen mit der Ware des
kirchlichen Ritus - und das noch mit qualitativ und quantitativ
unzulänglicher Ware, denn der Priester kommt überhaupt nur
zweimal im Monat nach Itapé (35). Diese Kirche ist eigentlich
schon seit langem tot und vegetiert nur noch seelenlos dahin.
Symbolischer Ausdruck ist - im weiteren Sinn - die "Sprache"
der Kirche: die Glocke in Itapé ist altersschwach (38),
die von Sapukai ist überhaupt gänzlich verstummt (49), und
die Kirchenuhr läuft rückwärts (56). Die Predigten des
Padre Maíz unterscheiden sich für Miguel Vera nicht
von dem Plappern eines Papageis, sind "palabras de un
idioma extinguido" (223).
Ähnliches hatte ja
auch der Erzähler von Los pasos
perdidos anläßlich seines Besuches in einer Kirche
empfunden. Ist es da noch erstaunlich, wenn die "Gläubigen" - auf ihre Weise
- gläubiger sind als die geistig toten
Priester? Wie schon in einer Erzählung von Manuel ROJAS
erweist sich der Klerus als rationalistischer und positivistischer
als die Gemeinde, nämlich als überaus mißtrauisch
gegenüber spontanen Ausdrucksformen der Religiosität. Die
Aura des Wunderbaren, die sich um den Christus von Itapé legt,
ist dem cura äußerst suspekt, und er
reagiert darauf mit hygienischen Belehrungen über die "extraña
vitalidad de los bacilos".
Die erste, modellhafte
Rebellion in dem Roman erwächst daher konsequenterweise aus
einem Glaubenskonflikt. Die Anhänger Gaspar Moras, die einzig
einen lebendigen, gewachsenen Glauben besitzen, werden aus der Kirche
ausgeschlossen, und der Priester bezeichnet die Verehrung des
hölzernen Christus als ketzerisch (36).
Dem steht ein
ausgeprägtes religiöses Selbstbewußtsein der Itapeños
gegenüber: "Nuestro Cristo no necesita la bendición
de ellos" (44). Für den Leser ist ohnehin klar, daß
das "wahre" Christentum auf der Seite Macarios bzw. Gaspar
Moras steht. Er ist Träger der wichtigsten christlichen
Tugenden, war ein "hombre puro", "ayudó a la
gente", besaß "alma limpia" und "corazón
limpio" (36). Allerdings handelt es sich bei all dem um
eine Haltung, die eben nicht durch Evangelisierung anerzogen worden
ist, sondern aus diesen Menschen heraus zu "wachsen"
scheint.
In diesem Sinne erkennt - im nachhinein - auch Roa den religiösen Konflikt zwischen
offizieller Kirche und Volksreligiosität, der sich im Schicksal
des rebellischen Christus kristallisiert, als das zentrale Motiv, den
springenden Punkt des Romans an:
[...] sín habérmelo
propuesto, encuentro que en esta novela se plantea el drama del
Cristo rebelde frente a la Iglesia oficial, que llevaba a la
desintegración a la vez que a la desestructuración
social y espiritual de un pueblo. Siento que esto ha salido no
de mis manos, de mis propósitos, sino de estas potencias
vitales del pueblo que impregnaron el mito del Cristo rebelde;
siento que el pueblo mismo enfrenta a la Iglesia oficial, a sus
prácticas formalistas, farisaicas, [...].
Wegen des
trotz allem auch politischen Charakters dieser Kirche handelt es sich
freilich um einen Widerstand, der prinzipiell gegen jede implantierte
Obrigkeit gerichtet ist und in seiner Tragweite über das
Religiöse hinausgeht.
Das vom Autor positiv
bewertete "bodenständige" Christentum darf nicht
einfach als "Urchristentum" oder
cristianismo puro bezeichnet werden. Einmal abgesehen
von der Frage, ob die Darstellung des Glaubens der Itapeños
der paraguayischen Realität entspricht, trägt er im Roman
deutlich synkretistische Züge. Schon das Motto möchte
die Wahrnehmung des Lesers ja in diesem Sinne orientieren. Das
Substrat, aus dem in Hijo de hombre das Projekt eines
"alternativen" Christentums hervorgeht, ist die
paraguayische Volksreligiosität als transacción,
als eine Art Kompromiß zwischen indigener und christlicher
Religiosität.
Wie die
Untersuchung des zweiten Mottos gezeigt hat, ist es oft schwierig
bzw. unmöglich zu sagen, ob die religiösen Ausdrucksformen,
die in den Roman verwoben sind, eher indigen oder christlich geprägt
sind. Sicher wird man gerade hinsichtlich einiger weiblicher
Figuren des Romans (der "Magdalenen") behaupten dürfen,
daß ihre Religiosität stark von den traditionellen
Vorstellungen der Guaraníes geprägt ist. Hier sei
nur María Rosa erwähnt, die Gaspar Mora aus einer Art
geschwisterlicher Verbundenheit umsorgt, die in ihrer Unbewußtheit,
hinter der kein du sollst steht, etwas ganz anderes ist
als christliche Nächstenliebe (26). Sie lebt aus jenem
Glauben, der aus dem Totenhymnus spricht: "No tenía más
que sus frases incoherentes, que el guaraní arcaico hacía
aún más incomprensibles, y ese alucinado estribillo del
Himno de los Muertos de los guaraníes del Guairá."
(20)
Der gleiche
wortkarge, kaum artikulierte Glaube war ja schon bei Cristóbal
Jara festgestellt worden. Jene fraternidad, die selbst
den Tod als Bruder empfindet und nicht daran zweifelt, "que la
voz vuelva a fluir por lo huesos", erscheint als das wichtigste
"guaranitische" Element dieses Romans.
Aber auch
dann, wenn man ganz sicher zu sein glaubt, daß primär die
Symbolik des Christentums aktiviert wird, können zugleich auch
indigene Traditionen angesprochen sein. Roa Bastos selbst hat in
einem Vortrag unterstrichen, welche über die christliche
Deutung hinausgehenden Implikationen das Kreuzes-Symbol seit jeher in
der Guaraní-Kultur hatte. An dieses Substrat ist stets auch zu
denken, wenn, wie so oft in Hijo de hombre, das
"christliche" Kreuz ins Blickfeld gerät.
Versucht man
nun, einen nicht durch die literarische Gestaltung verstellten
Blick auf die paraguayische Volksreligiosität zu werfen, so
erweist diese sich als ebenso zwiespältig, wie es ihr
synkretistischer Charakter erwarten läßt. Zunächst
scheint Roas Roman tatsächlich eine Bestandsaufnahme der
mestizischen Volksreligiosität seines Heimatlandes zu sein.
Spuren der Glaubensvorstellungen der Guaraníes sind der
ausgeprägte Messianismus, die Suche nach der Tierra sin Males
(die sich leicht mit dem Exodus-Motiv verbinden läßt) und
die Vorstellung, daß die Seele sich als palabra
manifestiere.
Was die
Präsenz christlicher Figuren in der volkstümlichen
Imagination anbelangt, so wären neben Christus und der Jungfrau
Maria besonders Maria Magdalena und Judas zu nennen. Der Ritus der
Kreuzesabnahme gehört tatsächlich zu der in ganz
Paraguay zelebrierten Karfreitagsliturgie.
Nach Ramiro
DOMINGUEZ existiert auch bei den Guaraníes eine norma
tribal de projimidá, die sich dann unter Einfluß
kapitalistischer Produktions- und Wirtschaftsformen aufzulösen
begann. Christus wurde spontan als ein von der Obrigkeit verfolgter
"tipo marginal a la ley" begriffen, mit dem die Indios sich
unschwer identifizieren konnten. Gerade in der "Theologie"
der Guaraníes scheint es nach dieser Darstellung tatsächlich
Ansätze für eine befreiende Praxis aus dem Glauben zu
geben, wie sie die Befreiungstheologie nunmehr zu entwickeln versucht
und wie sie schon in Roas Erzählungen hervorgetreten ist.
Aus dieser vielleicht etwas idealisierten Sicht scheint die
paraguayische Volksreligiosität "un cierto poder
intrínsicamente evangelizador" zu besitzen, "una
dimensión religiosa que es más auténticamente
cristiana".
Aber auch die
andere Seite, die Roa in seinem Roman vernachlässigt, muß
gesehen werden. Das Bild des gekreuzigten Christus ist tatsächlich
das wichtigste Symbol der paraguayischen Volksreligiosität.
Es wird aber wenn der Glaube nicht überhaupt "tot"
ist - weitgehend fatalistisch gedeutet und dient der
Sakralisierung des Leidens. Von dem Gedanken an eine Auferstehung,
die auch die Praxis eines jeden einzelnen betrifft, kann keine Rede
sein: "No ven que el hombre puede colaborar con Dios en la
construcción del mundo." Auch daß in der Praxis aus
diesem Glauben eine effektive Solidarität entstehe, wird z.
B. von B. Meliá bestritten: er hebt gerade die "incapacidad
de construir una fraternidad" hervor. Was GUTIÉRREZ als
die "Nichtunterscheidung von Ebenen" postuliert und
was bei Roa als Bezogenheit des Religiösen auf das
Diesseits erscheint, findet im Glauben der Guaraníes
eigentlich keinen Rückhalt: "`Mi reino no es de este
mundo'... Toda la vida mental del guaraní converge hacia el
más allá...".
Diese
Divergenzen sollen genügen, um darauf hinzuweisen, daß es
Roa Bastos wohl doch nicht um ein "Abbild" der
paraguayischen Volksreligiosität geht, sondern um ein Projekt.
Was eine idealisierende Verfälschung zu sein scheint, ließe
sich in gewisser Weise damit rechtfertigen, daß z. B. die
Zerstörung der projimidá ja erst eine
Erscheinung ist, die aus dem Zusammenstoß mit der
"christlichen", abendländischen technischen
Zivilisation hervorging und sich in ganz Lateinamerika als
kulturell-religiöse Entwurzelung oder Verwaisung
manifestiert. Eine Reform, und sei sie nur als ästhetisches
Modell beabsichtigt, wird sich daher als rescate
der in Wirklichkeit kaum noch lebendigen und wirksamen
Ausdrucksformen des religiösen Substrats manifestieren, wobei
ein Anspruch auf kulturhistorische Faktentreue kaum erhoben wird.
9.352 Die "Theologie
des Menschensohns":
inversión de la fe?
Kaum ein Kritiker
verzichtet darauf, die "Theologie" oder "Christologie",
die dem Roman zugrunde liegt, in bezug auf die Aussagen des
offiziellen Christentums zu beurteilen - bzw. oft auch vor dem
Hintergrund dessen, was jeder für die "dogmatischen"
Aussagen des Christentums oder der Kirche hält.
Viele greifen die bequeme Lösung auf, die der Roman selbst
anzubieten scheint. Der Erzähler des ersten Kapitels nennt
nämlich die Geschehnisse um den Cristo leproso und den
bei den Itapeños entstehenden Glauben eine inversión
de la fe (13). Kann man als Interpret das Urteil dieser
in mancher Hinsicht problematischen Instanz einfach übernehmen?
Die Rede von der "Häresie" dieses Glaubens ist
jedenfalls ein Gemeinplatz der Forschung. Inzwischen dürfte
sich aber herausgestellt haben, daß man auf keinen Fall Roas
Weltsicht als gänzlich areligiös oder gar blasphemisch
bezeichnen kann. Roa Bastos auf der breiten Skala zwischen totalem
Unglauben und orthodoxem Katholizismus nun genau situieren zu
wollen, ist aber kaum ein sinnvolles Unterfangen. Wichtiger
scheint es, die "Dogmen", von denen Hijo de hombre
letztlich getragen wird, inhaltlich zu bestimmen.
Ein Punkt, der in der
Forschungsliteratur mit großer Einhelligkeit konstatiert
wird, ist die Diesseitigkeit jenes Christus, der
in dem Roman wohlbedacht als "Menschensohn" auftritt:
"un Cristo en su vertiente humana".
Wieder also
geht es um el reino de este mundo: ein Zug, der
den Roman mit Roas Erzählungen verbindet, der ihn aber auch in
eine Reihe stellt mit den bereits besprochenen Werken anderer
Autoren. Sinnvoll ist diese Betonung des Diesseits natürlich nur
im Kontext einer auf das Jenseits gerichteten Glaubens- und
Lebenshaltung, wie sie sich ja nicht nur in der lateinamerikanischen
Volksreligiosität ausdrückt, sondern auch im Streben von
Lafourcades Held Lucanor.
Wie auch aus
Roas Selbstdeutungen erhellt, geht es ihm um die "redención
del hombre ahora y aquí" und weniger um die "salvación
del alma". Die Formel vom "Menschensohn" darf
indessen nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich
dabei um einen christlichen Begriff handelt, der im
lateinamerikanischen Kontext eine ganz neue Bedeutung annimmt.
Von dieser Tatsache lenken alle Deutungen ab, die in Roa Bastos so
etwas wie den Stifter einer neuen "Menschheitsreligion"
sehen wollen, die als universalistische Neuauflage eines
"sozialistischen" Urchristentums zu denken wäre.
Genauso irreführend ist eine Interpretation, die hier "den
Mythos als soziale Kraft" am Werk sieht. Der "Mythos" - gemeint ist wohl das religiöse Ethos der Guaraníes
- reicht nicht aus, um eine neue Solidarität zu stiften. Es bedarf
auch genuiner, "orthodoxer" christlicher Elemente.
Viel eher als gegen die Reinform des christlichen Glaubens scheint
Roas Menschensohn-Christologie sich gegen jene Art von Fatalismus zu
richten, die von der lateinamerikanischen Volksreligiosität
und einem verknöcherten Klerus gleichermaßen begünstigt
wird.
Richtig ist,
daß sich die Rebellion des Menschensohns in dem gleichnamigen
Roman auch gegen Gott richtet. Deshalb spricht sich Macario,
der "Cheftheologe" der Itapeños, dagegen aus,
daß das neue Heiligtum "Weg Gottes" genannt werden
soll. Hinter dieser höchsten Instanz scheint sich wieder jener
"böse Gott" zu verbergen, der dem Leser bereits aus
Lucha hasta el alba bekannt ist: ein autoritäres
Über-Ich, das sich mit dem Gedanken an staatliche und kirchliche
Bevormundung verbindet - um wieviel mehr in einer Diktatur! - und das
den Menschen an seiner Selbstverwirklichung hindert. In diesem Sinne
ist Macario eine modernisierte Reinkarnation des Prometheus-Motivs:
er bringt den Christus nach Itapé, "salvándolo de
Dios para ponerlo al alcance de los hombres". Natürlich
ist dieser Gott nicht identisch mit dem der Bibel und des
Christentums, denn jener hinderte die Menschen nicht am historischen
Handeln, sondern forderte es von ihnen - unter anderem als
Verwirklichung einer irdischen Gerechtigkeit. Genau die Angst,
daß "Gott" die Menschen hindern könnte, ihr
Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, ist es aber, was Roa
veranlaßt, die Rolle des Menschen gegen diejenige Gottes
auszuspielen.
Die Abneigung
gegen alles Himmlische, gegen alles, was "von oben" kommt,
manifestiert sich noch in einer anderen Weise sehr deutlich: nämlich
in der Haltung, vor allem Cristóbals, gegenüber dem
milagro. Für Carlos Battilana handelt es sich dabei sogar
um das Hauptthema des Romans. Wie bereits erwähnt wurde, sind
für Cristóbal "Wunder" zwar möglich, aber
es ist der Mensch, nicht Gott, der sie vollbringen muß. Der
Wunderglaube hier weitgehend mit dem "Gottesglauben"
identisch - ist ebenfalls deshalb verwerflich, weil er den
Menschen davon abhält, selbst etwas für seine redención
zu tun. Es scheint paradox, daß in diesem Roman dennoch durch "Glauben" "Wunder"
zustande kommen. Von der Rettung des jungen Miguel Vera vor dem Ertrinkungstod
war schon die Rede. Später ist es dann er, der ganz im Gegensatz zu Cristóbal
Jara! - nicht an Wunder glaubt: "Sólo
un milagro podría salvarnos. Pero en este rincón del
Edén maldito, ningún milagro es posible." (54)
Jedoch das Wunder geschieht; Miguel Vera wird gerettet! Wer dieses
Wunder vollbringt, ist trotz seiner scheinbaren Skepsis - Kiritó. Hier zeigt sich, daß der Begriff des "Wunders"
bei aller Verdiesseitigung nicht zur Leerformel wird. Wunder tun
heißt "hacer posible lo imposible", eine
Herausforderung, die an jeden Menschen gerichtet ist und
zu deren Verwirklichung es vielleicht nicht der Gnade Gottes bedarf,
wohl aber eines unerschütterlichen Glaubens an die Möglichkeit
des Unmöglichen. Aus ihm erwächst dann auch die Kraft zum
sacrificio - ein weiterer wichtiger Begriff in der "Theologie
des Menschensohns".
Was nun die
Orthodoxie dieses Verständnisses von "Wunder"
anbelangt, so ist auch der Theologe Pedro Trigo der Auffassung, daß
hier keineswegs ein Dogma verletzt wird, sondern auch aus der Sicht
des christlichen Glaubens zu betonen ist, daß der Mensch
kämpfen kann und soll.
Ein Bereich,
in dem indigene und christliche Vorstellungen ineinanderfließen,
ist die Dialektik von Leben und Tod und, damit verbunden, ein
besonderes Verständnis von "Auferstehung". Auch
in Hijo de hombre kehrt das paulinische Thema vom "Tod
im Leben" wieder. Die Lepra ist gleichsam der Pfahl im Fleische
dieser Menschensöhne. Gaspar Mora sagt über sich selbst:
"Yo ya estoy muerto." (28) Aber gerade an den leprosos
erweist sich, daß der Tod hier kein physisches Phänomen
ist. Diejenigen, die so tot scheinen, sind nämlich in
Wirklichkeit das Residuum des Lebens. Sie sind die "Christusbringer"
des Romans. Gaspar weiß, daß er bei seinem physischen Tod
keineswegs endgültig sterben wird. Allerdings hilft ihm nicht
der Gedanke an ein Weiterleben im "Jenseits". Sein
"ewiges Leben" ist gesichert durch das Andenken, das ihm
die anderen bewahren und das wieder der Keim "lebendigen" - z. B. brüderlichen
- Handelns sein wird. Materielle Gestalt
nimmt Gaspar Mora Unsterblichkeit in der hölzernen
Christusfigur an, die ja sein "Sohn", sein Lebenswerk
ist.
Durchaus im
Sinne Paulus' sind die nicht vom Tod Gekennzeichneten oft "töter".
Ihr Tod ist nämlich der Zustand der Sünde. So erscheint der
russische Arzt gerade in dem Augenblick, als er der Versuchung durch
die in den Heiligenfiguren verborgenen Münzen erliegt, als
"vencido por la muerte" (70). Wichtiger ist aber, daß
aus diesem geistigen Tod Leben hervorgehen kann, daß die
metanoia möglich ist. In diesem Sinn ist Kiritós
spätere Begleiterin, die Krankenschwester María
Encarnación, die Komplementärfigur zu dem russischen
Arzt. Vorher war sie "la putita de la laguna", "la
pecadora". Als sie Cristóbals Ruf vernimmt, erkennt
sie ihre wirkliche Bestimmung und findet aus der Sünde zum Heil.
Kurz zuvor erhält sie den Spitznamen Salu'í, was
auf Guaraní pequeña salud bedeutet (274):
"Le gustó que la gente pudiera cambiar aunque más
no fuese de nombre." Der essentielle Wandel, der sich an ihr
dann tatsächlich vollzieht, wird vom Erzähler als eine Art
Auferstehung charakterisiert:
Quedaba limpia, nueva.
Sentía retoñar su muñón de mujer, en una
sensación algo parecida a la de los heridos de guerra que
continúan por algún tiempo con la ilusión de
que el miembro amputado todavía está allí,
pegado a las carnes deshechas. En lo más hondo de su
degradación habría sentido resucitar su virginidad
como una glándula, renacer, purificarse, bajo ese
sentimiento nuevo y arrollador, que no nació sin embargo para
ella en un deslumbramiento. (274)
Es gibt in
dem Roman eine ganze Reihe solcher Auferstehungen.
Im Falle Kiritós ist die Anspielung an die Auferstehung
Christi unübersehbar. Um der Verfolgung durch Suchkommandos zu
entgehen, versteckt der Rebell sich auf dem Friedhof: "Y de
veras se parecía a un muerto en tierra de muertos" (207).
Aus seinem Grab bricht er dann auf zu einer spektakulären
Parusie, nämlich dem schon erwähnten grotesken Tanz mit
seinen aussätzigen Freunden.
Bisher war im wesentlichen
von symbolischem Sterben und Auferstehen die Rede. Der Kernpunkt der
Theologie des Menschensohns scheint aber tatsächlich in der
Haltung gegenüber dem eigenen, realen und physischen Tod zu
liegen. Macario äußert sich wiederholt zu dieser
Problematik:
Es bueno saber por lo
menos que uno no acaba, que se continúa en otra vida, en otra
cosa. Porque hasta en la muerte se quiere seguir viviendo. (29)
Para el hijo de uno de los
esclavos libertos de El Supremo, ésta era, acaso, la única
eternidad a que podía aspirar el hombre. Redimirse y
sobrevivir en los demás. (45)
Was der
"Theologe" Macario in einfachen Worten zu entwickeln
versteht, illustriert Cristóbal Jara durch seine Tat, in
welcher der Tod zu einem letzten schöpferischen Akt wird.
Macarios Ausspruch, "el hombre es como un río"
(354), findet eine erstaunlich materielle Realisierung, indem Kiritós
Leben als Wasser auf Miguel Vera übergeht. Daß der
Tod, besonders wenn er sich in Erfüllung einer misión
ereignet, kein absolutes Ende setzt, ist eine Glaubensüberzeugung
Kiritós, die der Erzähler für den Leser aus einem
Gespräch des Helden mit Salu'í heraus entwickelt.
Ganz offensichtlich ist es
seine Verwurzelung in der indigenen Kultur, die Kiritó davor
bewahrt, den Tod zu fürchten. Nun zeigt sich auch, wie das
zweite Motto des Romans auf diesen Glauben an das "ewige Leben"
vorausweist. Der "Totenhymnus" entpuppt sich als ein
Hymnus des Lebens, denn in ihm drückt sich aus, daß aus
dem Tod Leben hervorgehen kann. Was im christlichen Sprachgebrauch
als logos, als "Geist" oder "Seele"
zu bezeichnen wäre, wird hier im Rückgriff auf
guaranitisches Denken mit voz, habla oder palabra
benannt. In ihnen ist das Leben "aufgehoben". Der Tod ist
um es mit Kiritó zu sagen - nur ein "Schlaf"
der palabra; "la contracara quieta de la vida" nach
María Regalada (64). Im Prinzip besteht jederzeit die
Möglichkeit, daß das Wort sein Potential neu
entfaltet: "El logos no puede morirse. Hé aquí
el fundamento de la filosofía guaraní."
Roa
Bastos verarbeitet also gerade im Zusammenhang mit der Thematik von
Leben und Tod den großen Einfluß der Guaraní-Kultur
auf die heutige paraguayische Volksreligiosität. Die "eminente
dimensión teológica de su esquema de mundo"
kommt ihm dabei zugute und macht die "Theologie des
Menschensohns" auch für den modernen, abendländischen
Leser einsehbar, der vieles wiedererkennt, was ihm aus dem
christlichen Bereich vielleicht auch unbewußt - vertraut ist. Die Betrachtung des Todes hinsichtlich seiner Relevanz
für das Diesseits ist auch für den modernen Leser
akzeptabel; es handelt sich keineswegs um archaisches oder mythisches
Denken. Ebenso sucht man auch außerhalb des orthodoxen
Katholizismus die Frage nach einem neuen Verständnis des "ewigen
Lebens". Die von der Befreiungstheologie wieder aufgewerteten
Vorstellungen des Alten Testaments stehen den in Hijo de
hombre entfalteten übrigens sehr nahe. Dem israelitischen
Denken ist ja die Vorstellung von einem Leben "im Jenseits"
oder "nach dem Tod" ebenfalls weitgehend fremd. Auch
Marxisten übernehmen die biblisch-christliche Vorstellung in
vergleichbarer Weise "als Gemeinschaft der Toten und
Lebendigen; das Fortleben aller großmütig geopferten
Menschen in uns".
Zusammenfassend
kann man sagen, daß die "Theologie des Menschensohns"
ihren christlichen Wurzeln relativ treu bleibt. Sie nimmt
lediglich eine Akzentuierung vor, die Ende der fünfziger
Jahre revolutionär und häretisch erscheinen mußte.
Begrifflich hält Roa an den zentralen christlichen
Glaubenssätzen fest. Seine Reinterpretation unterscheidet
sich von der traditionellerweise in der lateinamerikanischen
Volkskirche gepflegten Sehweise radikal. Dennoch liegt keineswegs
eine inversión de la fe vor, sondern eine
reorientación de la fe, und zwar mit
Richtung auf die historisch-gesellschaftliche Existenz des
Menschen. Ketzerisch ist jedenfalls nicht die Ausrichtung auf das
Diesseits - man kann sie verstehen als ein vorweggenommenes
aggiornamento -, sondern am ehesten das Feindbild vom
"bösen Gott", der ja nun aber gar nicht der
transzendente Gott der Bibel ist, sondern eine Personifizierung der
Mächte der Unterdrückung und des Todes. Mit Recht weist
daher auch der Theologe Pedro Trigo die These von der
Umkehrung des christlichen Glaubens in diesem Roman zurück und
betont angesichts des in den Roman mit eingearbeiteten
religiösen Kontexts von Lateinamerika eine gewisse "necesidad
de la 'heterodoxia'". Die gleiche Auffassung ist
schon früher von Rodríguez Alcalá
vertreten worden. Er stellt zu Recht fest, daß sich in Roas
Roman eine fe incompleta manifestiert und bezieht sich
eben darauf, daß keine Distanzierung
von der populären Disjunktion "entweder Gott oder der
Mensch" erfolge, die ein wichtiges Moment des
Glaubens an den Cristo leproso darstellt:
Acaso este misterio no
cabía en sus simples entendimientos.
O era Dios y entonces no
podía morir. O era hombre, pero entonces su sangre
había caído inútilmente sobre sus cabezas sin
redimirlos, puesto que las cosas sólo habían
cambiado para empeorar. (13)
Die Tatsache, daß
hier ein Christentum gegen Gott-Vater entworfen wird, ist schließlich
auch für Trigo Anlaß genug, von einer reducción
de la fe zu sprechen.
Roa Bastos verfolgte mit
Hijo de hombre, wie überhaupt mit
seinem ganzen Schaffen, die Absicht, die volkstümliche
Kultur Paraguays, in diesem Fall besonders die Volksreligiosität,
für das literarische Schaffen fruchtbar zu machen. Was Roas
"Theologie" anbelangt, so steht hinter ihr wohl auch das
Bemühen, eine lateinamerikanische Version christlicher Symbole
und Begriffe zu gestalten und sich von europäischen Verhaltens-
und Lebensregeln, wie sie die "römische" Kirche
propagiert, zu befreien. In diesem Roman soll der Leser vom
paraguayischen Volk in ähnlicher Weise lernen, wie
es der Autor im Gespräch mit G. Lorenz postuliert:
Die Europäer sollten
endlich aufhören, uns mit ihren Regeln zu traktieren; sie
sollten einsehen, daß Europa nur noch ein kleiner, zwar
unbegreiflicherweise noch immer oder schon wieder reicher Kontinent
ist, den ich 1945 viel bescheidener erlebt habe, daß dieser
Kontinent aber, bei allem Reichtum, nicht mehr der Mittelpunkt der
Welt und schon gar nicht mehr der Weisheit ist. Sie müssen aber
vor allem endlich einsehen lernen, oder sich dazu bequemen
einzusehen, daß ihre Regeln vielleicht für sie noch
gelten mögen, in keinem Fall aber mehr für
Lateinamerika, nicht mehr für Indien und China und all die
anderen Länder, zu denen auch bald noch Afrika kommen wird.
Europa hat uns nichts mehr zu sagen; Europa wird lernen müssen,
sich von uns etwas sagen zu lassen, [...].
Ein Blick
auf die Realität der paraguayischen Volksreligiosität hat
jedoch gezeigt, daß es gar nicht so viele Elemente gibt,
die sich mit Roas engagierter Position in Einklang bringen
lassen. Selbst die Haltung gegenüber Leben und Tod, die am
deutlichsten von der Guaraní-Kultur geprägt ist, konnte
der Autor nur mit Mühe von ihren fatalistischen
Implikationen befreien. Daß Kiritó ausgerechnet die
Rebellion als seine misión, als sein
Fatum empfindet, hat utopische Züge. Daß der Gott
dieses Volkes die "Brüderlichkeit" sei,
ist eine romantisch verklärende Interpretation des "fremden"
Miguel Vera. Immerhin fungieren Volksreligiosität und
Volkskatholizismus deutlich als Substrat
der "Theologie des Menschensohns". Sie selbst ist aber
letztlich eine "superrealistische" Eigenschöpfung
des Autors.
In den Studien, die
lateinamerikanische Theologen in den letzten Jahren immer häufiger
der Volksreligiosität der einzelnen Länder widmen, wird
zwar ihr im Prinzip fatalistischer, ritualistischer und
diesseitsabgewandter Charakter konstatiert, zugleich aber
gefordert, nach Möglichkeit auf den noch lebendigen
Ausdrucksformen des Glaubens aufzubauen. Nach demselben Prinzip
verfährt Roa Bastos. Wie die Theologen verspürt er
selbst die "necesidad del cambio", eines
Wandels, der aber allein aus der volkstümlichen Kultur heraus
sich kaum einstellen wird. Bei allem Lernen "von unten"
bedarf es auch der Impulse "von oben". "Falta recrear
los elementos relacionados con la Resurrección":
dieser Forderung bemüht sich auch Roa Bastos nachzukommen - bevor sie ausgesprochen ist. Der "Theologie des Menschensohns"
geht zwar die Analyse der lateinamerikanischen Religiosität
voraus; der Glaube, der die Figuren des Romans zum Handeln befähigt,
trägt indessen den Charakter eines Projekts.
9.4 MITO vs.
PROFECIA:
DAS LATEINAMERIKANISCHE CHRISTENTUM UND DIE CHANCE DER BEFREIUNG
In der lateinamerikanischen
Volksreligiosität ist weitgehend noch eine mythische
Weltsicht lebendig. Die menschliche Existenz ist hineinverwoben in
die gesetzmäßigen Abläufe der Natur; sie ist
Reproduktion eines modellhaften Urgeschehens, das sich im
"Mythos" (als symbolischer Erzählung) verdichtet.
Das Göttliche ist Teil und Beweger dieses ewigen Kreislaufes,
und mit ihm versucht man Kontakt aufzunehmen, um die alles
bestimmenden Mächte in einer für die Menschen günstigen
Weise zu beeinflussen. In der Geschichte der
lateinamerikanischen Erzählliteratur hatte die Hinwendung
zum Mythischen insofern etwas Innovatives, als durch sie die
allzu beschränkte Wirklichkeitssicht der
naturalistisch-positivistischen Schreibweise überwunden
werden konnte. Die Literaturkritik vor allem der sechziger und
siebziger Jahre tendierte daraufhin aber dazu, kurzerhand
jeden nichtnaturalistischen Roman als "mythisch" zu
deklarieren bzw. ihn einem nur vage definierten "Magischen
Realismus" zuzuschreiben. Genau das ist auch
immer wieder mit Hijo de hombre geschehen. Dabei wird
nicht bedacht, daß eine Durchbrechung der fronteras
del realismo auch auf der Basis des Christentums
bzw. des biblisch-christlichen Glaubens möglich ist, der sich ja
gerade im Konflikt mit magisch-mythischen
Glaubensvorstellungen konstituiert hat. Vor allem die
prophetischen Schriften des Alten Testaments bezeugen den Kampf
gegen die Vergötterung der Natur, gegen magische
Praktiken und die Verehrung goldener Kälber. In
diesem Sinne wird hier also zu erörtern sein, inwiefern
Roas Roman kein mythisches, rückwärtsgewandtes, sondern ein
prophetisches, zukunftsgerichtetes Werk ist.
Ähnlich wie viele
andere Kritiker spricht z. B. Rosalba Antúnez in einem
Zug von der dimensión religiosa
[cristiana] y mítica. Ebenso wie bei
Valdés/Rodríguez wird die gemeinschaftsfördernde
Kraft des Mythos, seine fuerza social, unterstrichen.
Die Solidarität der handelnden Figuren sei in ihrer Teilhabe an
einer conciencia mítica begründet. Insofern
es sich bei diesem "mythischen Bewußtsein" aber um
das handelt, was oben als "Theologie des Menschensohns"
umrissen wurde, ist es wohl sinnvoller zu sagen, die Figuren
handelten aus einem reinterpretierten christlichen Glauben heraus.
In der Tat
läuft das Geschehen des Romans, insofern es auch eine
Verdichtung der paraguayischen Geschichte, ja der
Geschichte des Menschen überhaupt ist, scheinbar nach ewigen,
"mythischen" Gesetzen ab: Christus wird zwar vom Kreuz
abgenommen, aber dann immer wieder darangenagelt. Gerade die
Rebellion gegen diesen Kreislauf, die Taten Gaspar Moras, Macarios,
Casianos und Cristóbals erfolgen aber nicht oder nur
sekundär aus einem mythischen Bewußtsein. Über
Gaspar Mora stehen sie vielmehr in Verbindung mit der Figur Christi
bzw. mit dessen paraguayischer Postfiguration, dem Cristo leproso.
Christi Brüderlichkeit gegenüber den Aussätzigen, von
der zumindest Gaspar Mora weiß und
die in den anderen unbewußt nachwirkt - ist ebensowenig
"mythisch" wie der Auszug der Israeliten aus Ägypten,
der von Casiano nachvollzogen wird. Mythisch könnte der
Roman höchstens genannt werden, insofern er eine Analyse
der kulturellen Wirklichkeit Paraguays ist, in der "Mythen"
höchst lebendig sind. In seiner symbolischen Dimension und in
dem gesellschaftlich-geschichtlichen Projekt, das in ihr aufgehoben
ist, ist er jedoch prophetisch; denn indem er den verhängnisvollen
Kreislauf darstellt, mahnt er zu seiner Durchbrechung.
Am deutlichsten kommt das
in den Schlußworten Miguel Veras zum Ausdruck, der ja die
eigentlich prophetische Figur des Romans ist und zugleich ein
Wanderer zwischen zwei Welten: zwischen der mythischen Welt der
Guaraní-Kultur und der Volksreligiosität einerseits
und der aufgeklärten, glaubenslosen Welt der Moderne
andererseits:
Pienso en los otros seres
como ellos, degradados hasta el último límite de
su condición, como si el hombre sufriente y vejado fuera
siempre y en todas partes el único fatalmente inmortal.
Alguna salida debe haber
en este monstruoso contrasentido del hombre crucificado por el
hombre. Porque de lo contrario sería el caso de pensar que la
raza humana está maldita para siempre, que esto es el
infierno y que no podemos esperar salvación.