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W. Lustig - 19.11.02
Contato no Brasil:
Rainer Domschke
rainer@mail.yadata.com.br
 

Atlas der Regionalen Literaturen Brasiliens 
ARLB

Atlas das Literaturas Regionais do Brasil

Projektleiter und Antragsteller:
Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Böhler, 
Institut für Raumbezogene Informationstechnik (i3mainz),
Fachhochschule Mainz
Holzstr. 36
55116 Mainz
Email: boehler@geoinform.fh-mainz.de
Federführung beim Kooperationspartner:
Akad. OR Dr. Wolf Lustig
Romanisches Seminar (FB 15.10)
Johannes Gutenberg-Universität
55099 Mainz
Tel. 06131 - 39 - 2432 Fax: 06131 - 39 - 3076
Email: lustig@mail.uni-mainz.de
Kooperationspartner in Brasilien:
Profª Drª Alai Garcia Diniz
Universidade Federal de Santa Catarina - Centro de Comunicação e Expressão (CCE) - Curso de Pós-Graduação em Literatura
Florianópolis (SC) - Brasilien
Tel. 0055 - 48 - 331 9528 Fax: 0055 - 48 - 331 6612
Email: alai@cce.ufsc.br

Geoinformatik, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften

Die meisten Informationen besitzen neben ihrer zeitlichen auch eine örtliche Dimension. Dies gilt insbesondere für viele Phänomene, die in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften erforscht, analysiert und publiziert werden.

So wird etwa die politische Entwicklung von Staatsgebieten seit jeher im Kontext von kartographischer Darstellung und erläuterndem Text dargestellt. Ein Blick in die geisteswissenschaftliche Literatur zeigt darüberhinaus in vielen anderen Fachgebieten die Verwendung kartographischer Information zur Beschreibung und Erklärung von wissenschaftlichen Ergebnissen. Dies gilt vor allem für die Geschichte und ihre Teilgebiete (z.B. Kultur-, Wirtschafts- Sozial- und Kunstgeschichte) und die Archäologie, wo historische Zusammenhänge im regionalen und globalen Rahmen oft erst durch Kenntnis der geographischen Zusammenhänge (Ort, Landschaft, Klima, Bevölkerung, Bodenschätze, Fruchtbarkeit der Böden und viele andere Parameter) erklärbar werden. Die Teilprojekte zur Anwendung digitaler Geländemodelle und zur Erstellung eines regional und zeitlich gegliederten digitalen Atlasses von Gallien haben im Projektverlauf gezeigt, wie komplex solche Zusammenhänge sein können und wie wertvoll eine Aufbereitung in Form eines Geo-Informationssystems ist.

Auch die Verbreitung von Sprache und Literatur lässt sich nur geographisch erfassen und präsentieren. Ein Beispiel für die Möglichkeiten in diesem Bereich soll mit der Erstellung eines geographischen Informationssystems für die brasilianische regionale Literatur der letzen beiden Jahrhunderte im folgenden Jahr in Angriff genommen werden.

Die Anwendung moderner Informationstechnik hat sich in den Geisteswissenschaften in Deutschland nur langsam durchgesetzt. Die Möglichkeiten der Textverarbeitung werden oft genutzt, manchmal haben auch einfache Datenbanksysteme die herkömmlichen Zettel- und Karteikästen ersetzt. Häufig sind es nur einzelne Personen, die sich als Autodidakten oder mit Hilfe außenstehender Berater in diesen Techniken eingearbeitet haben.

Geo-Informationssysteme sind in der Lage, durch Verknüpfung von räumlicher und Sachinformation diejenigen hohen Anforderungen zu erfüllen, die für die Modellierung, Analyse und Präsentation räumlich-historischer Prozesse notwendig sind. Eine autodidaktische Einarbeitung in diese Systeme ist wegen ihrer Komplexität und der notwendigen vertieften Kenntnisse der IT-Grundlagen aber kaum möglich. Deshalb muss hier eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern beider Gebiete erfolgen.

Fortschritte in der Anwendung der Informationstechnik kann man erzielen, wenn aufgeschlossene Wissenschaftler unterstützt und Kooperationen zwischen Geisteswissenschaftlern und Wissenschaftlern aus dem Informatik-Bereich angeregt werden. Die Antragsteller haben in den vergangenen Jahren festgestellt, dass der Dialog mit Geisteswissenschaftlern oft schwierig ist, dass aber bei entsprechender Neugier und Dialogbereitschaft auf beiden Seiten hochinteressante Erfahrungen und wissenschaftlich neuartige Resultate erarbeitet werden können. Diese Arbeit soll deshalb weitergeführt und ausgeweitet werden.

 

Kurzfassung des Projekts ARLB

Die iberoamerikanische Literatur ist seit ihrer Entstehung in der Zeit der Eroberung und Entdeckung bis lange nach Erlangung ihrer "literarischen Unabhängigkeit" im ausgehenden 19. Jahrhundert stets in besonderem Maße auf die naturräumlichen Gegebenheiten der Neuen Welt ausgerichtet gewesen. Der "regionalistische Roman" ist in allen Literaturen Mittel- und Südamerikas eine charakteristische Gattung gewesen und fungierte zugleich als kulturell und politisch motiviertes Werkzeug der Suche nach eigenen kollektiven Identitäten. Am deutlichsten manifestiert sich dieses Phänomen in der brasilianischen Literatur, für welche die Literaturgeschichtsschreibung gleich mehrere regionalistische Strömungen und Perioden konstatiert hat. Die Diskussion über die Tragweite und tatsächliche — nicht nur literarische — Relevanz der regionalismos literários ist bei weitem noch nicht zum Abschluss gekommen. Ein Grund dafür ist das Fehlen einer Materialbasis, welche die Manifestationen regionalistischen Schreibens in sämtlichen geographisch definierten literarischen Räumen Brasiliens unter Einbeziehung der historischen Entwicklung (ca. 1850-2000) unter einheitlichen Kriterien zu registrieren, darzustellen und zu korrelieren versucht.

Für ein solches Vorhaben bietet sich der Einsatz moderner Informationstechnologien und insbesondere die kartographische Aufbereitung anhand eines Geo-Informationssystems an, das erstmals erlauben würde, die zahlreichen und vielfältigen literarischen Aktivitäten in verschiedenen Regionen Brasiliens auch unter geographischem Aspekt zu visualisieren, miteinander in Bezug zu setzen und gegebenenfalls als Antwort auf räumlich definierte physische und ökonomische, soziale und kulturelle Gegebenheiten zu begreifen und zu bewerten.

Zu diesem Zweck werden die im engeren Sinne literarischen Informationen (insbesondere zu Texten und Autoren) mit ihren zeitlichen und räumlich-geographischen Bezügen in einer Datenbank erfasst, die es sowohl dem Laien als auch dem Fachmann ermöglicht, interpretationsfähige Relationen in Form von Texten, Karten und Diagrammen zu darzustellen und auszugeben und so einen literarhistorischen Überblick zu gewinnen bzw. weitere Analysen und Deutungen vorzunehmen.

Im Bereich der Literaturwissenschaft stellt die kartographische Aufbereitung literaturgeschichtlicher Informationen zwar ein durchaus unkonventionelles Verfahren dar; bezogen auf eine Literatur, die sich wie die brasilianische immer wieder regional (und auch im Spannungsfeld von Regionalismus, Nationalismus und Universalismus) definiert hat, muss diese Innovation aber als ein adäquater und vielversprechender Ansatz gelten.

Das zu entwickelnde System soll interaktiv nutzbar sein, d. h. dem Benutzer soll die Möglichkeit gegeben werden, Daten nach den eigenen Wünschen zu kombinieren. Zugleich wird die Datenbank durch einen in mehrfacher Hinsicht "offenen" Charakter flexibel und aktualisierbar bleiben. Sowohl die Einbeziehung zukünftig erscheinender literarischer Werke als auch die Berücksichtigung neuester Forschungsergebnisse soll möglich sein. Durch eine zu integrierende Internet-Schnittstelle wird sowohl dem Postulat einer sehr weitreichenden Interaktivität Genüge geleistet, als auch die Möglichkeit geschaffen, externe literarische Textdatenbanken anzubinden.

Ein solches Projekt ist nur interdisziplinär durchführbar. Die FH als Kooperationspartner hat in den letzten Jahren verschiedene größere interdisziplinäre Projekte aus den Bereichen Geschichte / Archäologie und Informationstechnik / Vermessung durchgeführt und damit in Rheinland-Pfalz einen Forschungsschwerpunkt geschaffen. Am Romanischen Seminar sind maßgebliche Projekte und Einzeluntersuchungen zu Sprache und Literatur Lateinamerikas durchgeführt und vorgelegt worden, und es bestehen wissenschaftliche Kontakte zu lateinamerikanischen Universitäten, die für das Vorhaben fruchtbar gemacht werden können. Das beantragte Projekt soll die Zusammenarbeit zwischen Geoinformatik und den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften fortführen und intensivieren.

 

Vorliegende Arbeiten zum beantragten Projekt an der Universität Mainz

Als Grundlage für das Projekt dient die seit 1994 von Wolf Lustig aufgebaute relationale Datenbank zum literarischen Regionalismus in Brasilien. Sie umfasst derzeit 187 Autoren mit 542 Werken von 1837 bis 1996. In vier Teildatenbanken sind Informationen zu den Autoren, Werken, sowie literarischen Gattungen und Themen gespeichert. Eine weitere Teildatenbank erfasst die zu den einzelnen Autoren und Werken vorliegende Forschungsliteratur. Eine geographische Einordnung von Autoren und Werken ist zum großen Teil bereits erfolgt. Angaben zu Verfügbarkeit und Standorten der relevanten Literatur liegen vor. Ergänzend kann auf die an der Universität Augsburg geführte Datenbank BILA (Bio-Bibliographischer Index Lateinamerikanischer Autoren [http://www.Phil.Uni-Augsburg.DE/phil2/faecher/romanist/bila_de1.htm]) zurückgegriffen werden.

Im Rahmen eines von W. Lustig geplanten Forschungsvorhabens mit dem Arbeitstitel Positionen regionaler Literatur: zur Standortbestimmung des Regionalismo in der brasilianischen Literatur wurde die Forschungsliteratur zum literarischen Regionalismus in Brasilien und Hispanoamerika erfasst und (soweit zugänglich) bereits ausgewertet (http://www.romanistik.uni-mainz.de/hisp/bibl/Bibl_Brasil.html [18.11.1999]).

Bereits zu Anfang dieses Vorhabens zeigte sich, dass die Materialbasis (allein hinsichtlich der bibliographischen Erfassung der veröffentlichten Texte) für eine nicht nur auf eine einzige literarische Region bezogene Untersuchung bislang unzureichend ist. Zwar liegen mehrere brasilianische Untersuchungen zu den literarischen Regionalismen in den einzelnen Landesteilen und verschieden Epochen vor; diese nehmen jedoch nicht selten selbst eine regionalistische Perspektive ein, lassen die gesamtbrasilianische historische Kontinuität außer Acht und legen unterschiedlich enge Begriffe von regionalismo zugrunde. Daraus ergab sich das Desiderat einer möglichst exhaustiven Erfassung des Textbestandes anhand von Literaturgeschichten, speziellerer Forschungsliteratur, Bibliographien und Bibliothekskatalogen, was zum Aufbau der erwähnten Datenbank führte. Die auch in Brasilien fortschreitende Entwicklung der bibliothekarischen Infrastruktur durch Nutzbarmachung moderner Kommunikationstechnologie (z.B. die Möglichkeit des Internet-Zugriffs auf Bibliothekskataloge) macht ein solches Unterfangen heute eher möglich als noch vor fünf Jahren.

Vorarbeiten zum beantragten Projekt an der Fachhochschule Mainz

Seit 1997 beschäftigt sich der Projektleiter mit der Modellierung räumlich-zeitlicher Sachverhalte mit Hilfe von Autoren- und Geo-Informationssystemen. In mehreren Diplomarbeiten wurden bestehende Systeme bezüglich ihrer Möglichkeiten und Grenzen überprüft und anhand praktischer Fallbeispiele ausgetestet. In einem großen, von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Innovation geförderten Projekt wird derzeit die Entwicklung der Pellenz, einer Region in der Eifel, in den letzten 300.000 Jahren modelliert. Sehr eng verwandt mit der informationstechnischen Umsetzung des Projekts zu den regionalen Literaturen Brasiliens ist das Projekt der raum- und zeitbezogenen Datenbank für Gallien, das im Jahr 2000 abgeschlossen wird.. Die hieraus vorliegenden Erkenntnisse werden beträchtliche Synergieeffekte bei der Umsetzung des hier zu bearbeitenden Themas zur Folge haben.

Problemanalyse zur raum-zeitliche Dimension von Literatur

Literaturwissenschaft ist als hermeneutische Methode auf das interpretierende und sinngebende Subjekt angewiesen und kann sich normalerweise nicht mit der Erfassung und Präsentation "objektiver" raum-zeitlicher Koordinaten zufrieden geben, in denen sich literarische Phänomene (z.B. die einzelnen Texte) manifestieren. Dennoch sind Raum und Zeit traditionell etablierte und immer noch angewandte Ordnungskriterien, deren Berücksichtigung dem Verstehen vorausgeht. "Weltliteratur" begegnet zunächst in der Form der Nationalliteraturen einzelner Länder (bzw. geknüpft an in bestimmten Regionen verwendete Schriftsprachen); Literaturgeschichten beschreiben die literarische Produktion solcher Kulturräume unter Bezug auf Epochenschemata, die durch heterogene, oft außerliterarische Kriterien bestimmt sein können. Während die Bedeutung der historischen Dimension gemeinhin nicht in Frage gestellt wird, wird die geographische Dimension von Literatur immer wieder diskutiert. Gerade für den lateinamerikanischen Literaturdiskurs ist seit Mitte unseres Jahrhunderts immer wieder die Problematik Regionalismus vs. Universalismus diskutiert worden. Zum einen weil die lateinamerikanische Literatur zumindest in ihren Anfängen unbestreitbar regionalistisch war, und zum anderen weil die Autoren zunehmend die Notwendigkeit empfunden haben, die als Makel und Beschränkung empfundene lokale Determination zu überwinden und sich an universalistischen Schreibweisen orientierten. Dieser "globalisierenden" Tendenz stehen bis zum heutigen Tag Positionen gegenüber, die in einer regional verwurzelten Literatur durchaus ein zukunftsfähiges Modell sehen, wobei zumeist auch das Streben nach kultureller Identität und Eigenständigkeit eine wichtige Rolle spielt. Explizit wird diese Diskussion besonders in Brasilien seit den 20er Jahren geführt. In jüngster Zeit ist zudem häufig vom Erstarken eines "Neuen Regionalismus" Rede (Nitschack 1992), so dass es sich anbietet, die Frage gerade hinsichtlich dieses Landes exemplarisch zu untersuchen, wofür freilich erst eine angemessene und möglichst "objektiv" strukturierte und flexible Materialbasis zu schaffen ist.

Raum. Für Autoren erfolgt die räumliche Kategorisierung zunächst anhand ihrer Geburts-, Lebens- und Sterbeorte, setzt also eine Erfassung biographischer Daten voraus. Bei den Texten (es handelt sich im überwiegenden Maße um erzählende Literatur) steht die Erfassung der Handlungsschauplätze im Vordergrund, aber auch die Erscheinungsorte der Bücher müssen einbezogen werden, denn sie versprechen Erkenntnisse hinsichtlich der verlegerischen Aktivitäten sowie der Rezeption. Neben Autoren und Werken muss eine Teildatenbank der literarischen Ereignisse und Institutionen (Kongresse, regionale Literatur-Akademien und -zirkel, literarische Zeitschriften) aufgebaut und angebunden werden, die möglicherweise die Entstehung und Konsolidierung von Regionalliteraturen mitbedingt haben bzw. fördern sollten.

Problembehaftet ist die Definition der kulturellen und literarischen Räume Brasiliens. Einer von Moog 1943 und Diegues 1960 begründeten und zweifellos diskutierbaren Einteilung zufolge legt auch der ARLB zunächst sieben Regionen (Norden/Amazonien, Nordwesten, Bahia, Zentrum, São Paulo, Süden/Região Gaúcha, Stadt Rio de Janeiro) zugrunde. Der Atlas wird aber gerade erlauben, diese möglicherweise historisch wandelbaren Grenzen zu revidieren und eventuell die Herausbildung neuer literarischer Räume zu dokumentieren und zu begründen. Die bereits konsakrierten regionalismos wurden häufig mit traditionellen Produktionsformen korreliert (Kautschuk-Gewinnung, Kakao- und Kaffeeanbau, Viehzucht), die kartographisch dargestellt und mit den literarischen Daten verknüpft werden können, um die auch historischem Wandel unterworfene Bezogenheit der regionalen Literatur auf die sozio-ökonomischen Gegebenheiten einer Überprüfung zu unterziehen. Nach dem gleichen Prinzip wird es möglich und nötig sein, literarische Manifestationen in den Nachbarländern bzw. deren Grenzregionen mit einzubeziehen (Uruguay, Nordargentinien, Paraguay). Auf dieser Grundlage kann Fragen nachgegangen werden wie denjenigen, ob der Binnenraum Südamerikas (vgl. Potthast 1999) und der sich in ihm konsolidierende Wirtschaftsraum des Mercosur bereits Züge einer kulturellen Region trägt oder ob das indigene Tupi-Guarani-Kultursubstrat für die Konstitution literarischer Regionen maßgeblich ist. Weiterhin kann postuliert werden, dass bestimmte historische Ereignisse wie etwa der Dreibund-Krieg Brasilien/Argentinien/Uruguay gegen Paraguay oder die zahlreichen messianischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts zur Herausbildung regionaler literarischer Zyklen führten (vgl. Diniz 1997, Lustig 1999).

Zeit. Der historische Wandel, denen die literaturgeographischen Konstellationen unterworfen sind, verleiht der zeitlichen Dimension grundlegende Relevanz, ist sie doch eine der Hauptbedingungen für das Verstehen literarischer Prozesse. Die wichtigsten zeitlichen Koordinaten, die in die Datenbasis eingehen, sind dementsprechend die Lebensdaten der Autoren, die Erscheinungsdaten der literarischen Werke, die zeitliche Situierung des Geschehens sowie die historische "Verortung" weiterer oben genannter Informationen. Parallel dazu wären die Naturräume, die kulturellen, sozialen, demographischen, wirtschaftlichen, politischen etc. Räume, in denen das literarische Geschehen sich abspielt, unter Berücksichtigung der historischen Veränderung zu erfassen und in mehreren synchronen Schnitten kartographisch darzustellen. Für die Visualisierung diachroner Abläufe ist eine Darstellung in Form von Diagrammen vorzuziehen, anhand derer beispielsweise die Entwicklung der Publikationstätigkeit an Verlagsorten oder in bestimmten Regionen gezeigt werden könnte.

Nach Möglichkeit soll die literaturgeschichtliche Dimension des ARLB über Brasilien hinaus ausgeweitet werden, indem in Form von Synopsen Bezüge zu literarischen Strömungen und Epochen der hispanoamerikanischen Literaturen hergestellt werden.

Kriterien für die Materialbasis

Entscheidend für die Aussagekraft der Datenbank sind die Kriterien für den Aufbau der Materialbasis, wobei es in erster Linie darum geht, welche Texte aufgenommen bzw. ausgeschlossen werden. Grundlage kann eine in der Regionalismusforschung weitgehend akzeptierte Definition im Sinne von Menezes 1978 (in Anlehnung an Odum 1938) und Coutinho 1986 sein, wonach literarischer Regionalismus durch die Darstellung des Menschen in Korrelation mit seiner unmittelbaren Umwelt charakterisiert ist; Faktoren wie Sprache, Landschaft, Kulturerbe, wirtschaftliche Gegebenheiten gehen dabei in besonderem Maße in die Gestaltung ein, so dass die Texte bestimmten Regionen eindeutig zugeordnet werden können, und ein Interesse, die Eigenheiten dieser Region literarisch zu verarbeiten und auszudrücken angenommen werden kann. Problematisch ist, dass ein Großteil der unter diese Definition fallenden Werke über eine sehr beschränkte regionale oder lokale Verbreitung nicht herausgekommen ist oder sich auf der Grenze von mündlicher zu schriftlicher Literatur bewegen. Gerade die Einbeziehung der per se regionalen mündlichen "Literatur" oder Oratur ist allerdings ein besonderes Anliegen des ARLB, für welches die Zusammenarbeit mit der Abteilung für Orale Literatur und Alternative Ausdrucksformen der UFSC sehr fruchtbar zu werden verspricht. Mit einer lückenlosen Erfassung der literarischen Produktion gerade auf dieser tieferen Ebene ist nicht zu rechnen und eine gewisse Zufälligkeit bezüglich der Aufnahme oder des Ausschlusses von Texten lässt sich nicht gänzlich ausschließen. Einer Verzerrung der Ergebnisse kann dadurch begegnet werden, dass die Werke anhand von numerischen Indikatoren (etwa basierend auf der Anzahl von Nennungen in der Forschungsliteratur) hinsichtlich Bekanntheitsgrad und Kanonizität gewichtet werden.

Abfragemöglichkeiten

Eine Vielzahl von Abfragemöglichkeiten ergibt sich bereits aus der Struktur der vorliegenden Datenbasis, die es z.B. erlaubt, die zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Region zu einer bestimmten Thematik veröffentlichten Werke zu ermitteln. Die kartographische Visualisierung sowie die diagrammatische Repräsentation zeitbezogener Daten erhöht jedoch die Verknüpfungsmöglichkeiten der Daten, die Flexibilität von Abfrage und Anzeige und damit den Informationswert erheblich — beispielsweise durch die oben erwähnte Überwindung eines starren und ahistorischen Konzepts vordefinierter literarischer Regionen. Insbesondere erlaubt der Atlas eine sinnfällige Überprüfung diverser Regionalismus-Hypothesen, welche die literarische Produktion zu bestimmten wirtschaftlichen oder naturräumlichen Gegebenheiten in engen Bezug setzen, bzw. es wird möglich, solche Korrelationen hinsichtlich in ihrer zeitlichen Begrenzung zu sehen.

Wie eingangs angemerkt, erschöpft sich literaturwissenschaftliche Forschung nicht in der Zusammenstellung, Aufbereitung und Analyse von Daten, sondern die Interpretation derselben ist der letzte und wichtigste Schritt im Verstehensprozess. So benutzerfreundlich und anschaulich sie sich auch darbieten mag — eine Datenbank kann diesen Prozess nur vorbereiten und unterstützen. Die Initiatoren des Projekts sind sich dieser Beschränkung bewusst, und wollen dem Benutzer (Literatur- und Kulturwissenschaftlern, Studierenden und Lesern im deutschen und portugiesischen Sprachraum — der Benutzer wird zwischen einer deutschen und einer portugiesischen Textausgabe wählen können) möglichst viele Hilfsmittel für einen durchaus auch kritischen Umgang mit den aufbereiteten Daten an die Hand geben. Zu diesem Zweck wird dem im engeren Sinne literaturgeographischen Apparat eine Volltextdatenbank angegliedert sein, mit der eine Vielzahl der berücksichtigten literarischen Texte (hauptsächlich in anthologischer Form, teilweise in Komplettversionen) abruf- und ausdruckbar sein wird. Sofern die Texte im Internet bereits verfügbar sind, werden diese mittels entsprechender Links integriert.

Der systematische Bezug auf außerliterarische Gegebenheiten bedeutet indes nicht, dass dem Projekt ein deterministischer Literaturbegriff zugrunde liegt, nach dem das literarische Schaffen sich ausschließlich aus den geographischen, soziologischen, ökonomischen Bedingungen heraus erklären ließe. Allerdings herrscht Konsens darüber, dass eine Vielzahl der im engeren Sinne regionalistischen Werke in der naturalistischen Schreibtradition steht: vor dieser Prämisse verspricht der ARLB neue Einsichten hinsichtlich des Paradigmenwechsels, in dessen Verlauf die lateinamerikanische Literatur moderne Stilrichtungen und Erzählformen integriert hat.

Zeitlicher Umfang des Projekts

Das Projekt soll im Mai 2000 mit einer Vorlaufphase an der Universität beginnen. Dieser Zeitraum wird von Dr. Lustig und der hierfür anzustellenden wissenschaftlichen Hilfskraft genutzt, um die vorliegenden Unterlagen und Datenbanken zu ergänzen und zu aktualisieren. Folgende Arbeitsschritte fallen aus literaturwissenschaftlicher Sicht noch an:

  1. Überlegungen zum inhaltlichen Ausbau und zur Restrukturierung der Datenbank im Hinblick auf die später zu visualisierenden kartierbaren Indikatoren.

  2. Konvertierung der Datenbank in ein geoinformatisch verwertbares Format (derzeit Visual Data Publisher).

  3. Erfassung der neuesten Forschungsliteratur

  4. Auswertung literaturgeschichtlicher und literarkritischer Sekundärquellen zum Zwecke der Aktualisierung der Datenbank und Ergänzung der fehlenden Angaben bei den bereits vorhandenen Datensätzen entsprechend Punkt 1

  5. Einarbeitung und Auswertung von Texten der oralen Literatur in Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Partner.

  6. Sichtung, kursorische Lektüre und Auswertung der in die Materialbasis aufgenommenen Primärquellen (teilweise müssen diese Arbeiten im Iberoamerikanischen Institut in Berlin durchgeführt werden)

  7. Beschaffung, gemeinsame Auswahl und ggf. Erstellung oder Modifikation der Karten, in denen die literarischen Daten zur Anzeige gelangen sollen (ebenfalls in Zusammenarbeit mit der UFSC).

  8. Parallele Erstellung einer deutschen und portugiesischsprachigen Version der Textbestandteile des Programms.

Ab September 2000 beginnt dann ein(e) wiss. Mitarbeiter(in) an der Fachhochschule parallel hierzu mit der Konzeption und dem Aufbau des Informationssystems. In den kommenden Monaten ist eine intensive Kommunikation zwischen allen Beteiligten notwendig, um das Projekt voranzubringen.

Das Projekt soll im Jahr 2001 fortgesetzt und im Juni 2001 abgeschlossen werden.

 

Ein interdisziplinäres Projekt von Wolfgang Böhler Institut für Raumbezogene Informationstechnik (i3mainz), Wolf Lustig, Romanisches Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, und Alai Garcia Diniz, Zentrum für Kommunikation und Sprache der Bundesuniversität von Santa Catarina, Florianópolis (SC) - Brasilien

Um projeto interdisciplinar entre Wolfgang Böhler Instituto de Geoinformática da Escola Superior Técnica de Mogûncia (i3mainz), Wolf Lustig, Seminário de Filologias Românicas da Universidade Johannes Gutenberg-Universität de Mogûncia e Alai Garcia Diniz, Centro de Comunicação e Expressão (CCE) da Universidade Federal de Santa Catarina, Florianópolis (SC) - Brasil