»El gusto me lleba«: der pícaro als lüsterner Narr

von Timo Kehren

Abstract: Die novela picaresca, die sich zu Beginn der Frühen Neuzeit in Spanien herausbildet, ist aufgrund ihres spezifischen Blicks »von unten« immer schon gegen die offiziellen Diskurse gerichtet. In der vorliegenden Studie wird der Frage nachgegangen, inwiefern das Genre in Hinblick auf den »usage des plaisirs« subversiv verfährt. Im Mittelpunkt stehen dabei Francisco Delicados Retrato de la Lozana andaluza (1528), ein Vorläufer der Pikaresken, und die anonym veröffentlichte und gattungskonstituierende Vida del Lazarillo de Tormes (1554). Die theoretische Grundlage der Arbeit bilden die genderspezifischen Überlegungen Stephan Leopolds zur petrarkistischen Liebeslyrik, mit denen er an das Konzept der »poetischen Konterdiskursivität« anknüpft, das Rainer Warning in seiner Auseinandersetzung mit dem Diskursbegriff Michel Foucaults entwickelt hat. Subversiv sind die ausgewählten Texte insofern, als sie das kirchliche Keuschheitsgebot und die humanistischen Liebeskonzeptionen unterwandern, um ausgeschlossenen Formen des Begehrens den Weg in den Diskurs zu bahnen. Dies geschieht nirgendwo anders als in einem spanischen Weltreich, das sich anstellt, die Christenheit im Kampf gegen die Protestanten und Moslems beispielhaft anzuführen und Italien den dank der corona fiorentina erworbenen Rang der kulturellen Vormachtstellung abzulaufen. In einer solchen Gemengelage bleibt den pícaros nur der Rückgriff auf den Redemodus des Närrischen, um den Eros bereits vierhundert Jahre vor Siegmund Freud zum Primärtrieb des menschlichen Verhaltens zu erklären. So ist auf dem Frontispiz der Erstausgabe von Francisco de Úbedas Libro de entretenimiento de la pícara Justina (1605) das mittelalterliche Narrenschiff zur nave de la vida pícara geworden, auf deren Wimpel die Lebensphilosophie der Insassen verkündet wird: »El gusto me lleba«.